Aktuelles (22.11.2016)

 

Gedenkstunde zum Volkstrauertag: Flucht und Vertreibung - damals und heute

Am Ehrenmal für die Opfer des Zweiten Weltkrieges auf dem Friedhof Meerane fand am 13. November 2016 die Gedenkstunde der Stadt Meerane zum Volkstrauertag 2016 mit dem Totengedenken statt, gestaltet von der Stadt Meerane, der Reservistenkameradschaft des Reservistenverbandes der Landesgruppe Sachsen, der Evangelischen Kirchgemeinde St. Martin Meerane mit Herrn Pfarrer Christian Freyer und dem Posaunenchor der Evangelischen Kirchgemeinde St. Martin.
Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer begrüßte die zahlreichen Gäste: Meeraner Bürgerinnen und Bürger, Stadträte, Herrn Staatsminister a.D. Dr. Jürgen Martens, Pfarrer Clemens Baumert von der Katholischen Kirchgemeinde St. Marien Meerane. Er freute sich insbesondere, dass auch Mitglieder des Helferkreises Meerane gemeinsam mit Geflüchteten, die derzeit in Meerane leben, zur Gedenkstunde dabei waren.
Nach der Kranzniederlegung durch Bürgermeister Professor Dr. Ungerer und die Reservistenkameradschaft sprach der Bürgermeister zu den Gästen. (Unten stehend Auszüge aus seiner Rede.)

Seine Ansprache begann Professor Dr. Ungerer mit dem Totengedenken:

Totengedenken

„Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg,
an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben,
der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden,
weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen,
weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben,
und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung
oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,
um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung,
um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte,
die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.  

Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung
unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“

Im Anschluss sprach Pfarrer Christian Freyer. Er betonte, wie wichtig es ist, die Erinnerung wachzuhalten, an die Opfer von Krieg und Gewalt zu erinnern. Die Gedenkstätten auf dem Friedhof Meerane und den Friedhöfen in Seiferitz und Waldsachsen werden erhalten und gepflegt. "Vielen Dank für die selbstverständliche Arbeit, die so wichtig ist", sagte er und fügte hinzu, dass die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge auch dafür sorgt, dass die Gefallenen einen Namen bekommen. "Erinnerungsarbeit ist Friedensarbeit für die Zukunft", so Pfarrer Christian Freyer und betonte zum Ende seiner Rede nochmals: "Frieden muss immer neu gewonnen werden!"

Professor Dr. Ungerer richtete zum Abschluss der Gedenkstunde ein Dankeschön an die Mitglieder der Reservistenkameradschaft, den Posaunenchor der Kirchgemeinde St. Martin, die Pfarrer beider Kirchgemeinden, an die Friedhofsverwaltung für die Organisation und alle anwesenden Gäste.

Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer. Pfarrer Christian Freyer.
Die Stadt Meerane und die Reservistenkameradschaft des Reservistenverbandes der Landesgruppe Sachsen legten Kränze am Ehrenmal ab. Die Reservistenkameradschaft war vertreten durch den Obergefreiten der Reserve Tino Werler, den Hauptgefreiten der Reserve Lars Schubert, den Obergefreiten der Reserve Christian Ligotzky und den Oberfähnrich der Reserve Janko Schubert.
Der Posaunenchor der Evangelischen Kirchgemeinde St. Martin Meerane begleitete die Gedenkstunde der Stadt Meerane zum Volkstrauertag 2016.
 


Auszüge aus der Rede von Bürgermeister Professor Dr. Ungerer zum Volkstrauertag 2016 - Gedenkstunde am 13. November 2016 auf dem Friedhof Meerane

1916

Der Volkstrauertag 2016 steht im Zeichen des Jahres 1916: 100 Jahre Verdun.
Verdun zeigte erstmals die Industrialisierung des modernen Krieges. (…) Über 400.000 Deutsche und Franzosen starben im Jahr 1916 im Feuer der Artillerie, durch die Gasangriffe oder im erbitterten Nahkampf. (…)

Viele mehr überlebten nur schwer verletzt. Und trotz all dieser Opfer verlief nach 300 Tagen und Nächten die Frontlinie am 19. Dezember 1916 kaum anders als zu Beginn der Schlacht im Februar desselben Jahres. In unserer Ehrenhalle der eintausend Gefallenen des Ersten Weltkrieges sind über 250 Namen von Meeranern zu lesen, die insbesondere in den Monaten September und Oktober des Kriegsjahres 1916 ums Leben kamen. Neben Verdun starben bei der Schlacht an der Somme ab Juli 1916 mehr als eine Million Menschen.

Inzwischen gibt es keine Veteranen mehr, die vom Horror des Ersten Weltkrieges erzählen können. Die Erinnerung an die Soldaten, die in Verdun ihr Leben ließen, ist aber nicht verblasst. Verdun steht für eine Kriegshandlung, bei der beide Seiten – Deutsche wie Franzosen – hohe Verluste hatten.

Flucht und Vertreibung

1932 erhielten die systemfeindlichen Parteien der Weimarer Demokratie, KPD und NSDAP zusammen eine absolute Mehrheit. Es zeigt das gesunkene Vertrauen der Deutschen in die Problemlösefähigkeit der systemtragenden Parteien.
Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 begann die formaldemokratische Machtübertragung an die NSDAP und die Errichtung der NS-Diktatur mit Völkermord und Krieg auf Grundlage ihrer Rassenideologie und ihres totalitären Anspruchs.

Die Schlagwörter „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ und „Führer befiehl, wir folgen.“ dokumentieren die Nichtachtung der eigenen Person und deren restloses Aufgehen in einem höheren Wesen, zu dem das deutsche Volk verklärt wurde. Die totale Unterwerfung unter den Willen eines Mannes und das Bekenntnis zu absoluter Gefolgschaftstreue ist Teil der Menschenverachtung Adolf Hitlers, die bis zum Ende anhielt: Am 19. März 1945 ordnete er die Zerstörung Deutschlands an („Verbrannte-Erde-Befehl“). Gegenüber Albert Speer rechtfertigte er diesen Befehl: „Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen – denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen.“

Vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg verloren insgesamt bis zu 60 Millionen Menschen in Europa ihre Heimat. Die Ideologie zweier totalitärer Systeme hatte sie zu Zwangsmigranten gemacht. Die Statistiken weisen über 18 Millionen Menschen aus, die von Nazi-Deutschland zwischen 1939 und 1945 zwangsweise aus ihren bisherigen Lebensräumen entfernt wurden, außerdem weitere 15 Millionen, die in diesen Jahren von Stalins Regime deportiert oder zwangsumgesiedelt wurden (wie die »Rußland-Deutschen« und Teile der kaukasischen Völker).

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. verweist für den Volkstrauertag 2016 auf das Thema Flucht und Vertreibung: Weltweit sind laut der Vereinten Nationen zurzeit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Unterdrückung – mehr als je zuvor. Sie suchen Schutz und menschenwürdige Lebensperspektiven. Die Bilder in den Medien erinnern an die Trecks der Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg: Menschen, die ihre Heimat aus Angst vor Gewalt und Elend verlassen  mussten und oft nicht mehr besaßen, als sie am Leibe trugen. Die Bilder der Stadt Aleppo 2016 erinnern an Dresden 1945.

Beate Platzdasch und Horst Müller erzählen ohne Anklage*, aber mit deutlichem Schmerz in der Stimme. Sie waren Flüchtlinge, als Kinder, 1945.
Ihre Wege nach Deutschland waren lang und beschwerlich. Ständig mussten sie wechseln – von der Straße aufs Schiff, vom Schiff in die Bahn, auf Pferdewagen.
Horst Müller: "Vertreibung und Flucht, damals und heute, da gibt's keine Unterschiede, überhaupt keine. Heimat zu verlieren, ob das die Syrer sind oder die Iraker oder die Deutschen damals, das spielt eigentlich keine Rolle. Das Leid ist das Gleiche."
(*DLF 18.11.2015 Deutschland heute)

Bis zu 14 Millionen Menschen mussten ab 1944/1945 ihre Heimat in Ost- und Ostmitteleuropa verlassen – die nun polnischen Gebiete jenseits von Oder und Neiße, Ostpreußen und die kulturell gemischten Randgebiete von Böhmen und Mähren, nun Teil der Tschechoslowakei, außerdem Ungarn, Jugoslawien und Rumänien. Es war die größte Völkerwanderung seit der Antike. Die deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen waren die größte Gruppe der größten Völkerverschiebung aller Zeiten.

In Ost- und Ostmitteleuropa entladen sich die Ressentiments der jahrelang unterdrückten Völker gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung. Hass und Zerstörung sind die Antwort auf die Gewaltverbrechen der Nazis. Willkürliche Übergriffe, Morde, Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Enteignungen, Demütigungen und Repressalien treffen die verhassten Deutschen mit ganzer Härte.
Nach 1945 gab es in Meerane 10.000 vorübergehend Durchwandernde, 4000 verbliebene Flüchtlinge fanden in unserer Stadt eine neue Heimat. Viele dieser Flüchtlinge sind mit fast nichts hier angekommen und haben sich vor 71 Jahren eine neue Existenz aufgebaut. Sie haben unsere Stadt geprägt. Wie Johann Richter (Jg. 1924). Nach insgesamt 7 Jahren von 1942-1949 beim Reichsarbeitsdienst, der Wehrmacht und in Kriegsgefangenschaft) „war meine Jugend vorbei“, so sein Fazit. Nach seiner Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1949 kam er nach Frankfurt/Oder. Seine Heimat in Neuehrenberg existierte nicht mehr. Seine Eltern wurden aus der Tschechoslowakei ausgewiesen und lebten in Meerane. So kam Johann Richter in unsere Stadt.

Wir gedenken heute auch der Meeraner Männer, die ihre Gefangenschaft nicht überlebten und vor allem in den unmenschlichen Lagern der Sowjetunion den Tod fanden.

Jean-Claude Juncker (*1954), ehemaliger Premierminister des Großherzogtums Luxemburg und derzeitiger Präsident der Europäischen Kommission der Europäischen Union:
„Die Überlebenden des Ersten Weltkrieges hatten den Schwur geschworen, der nach jedem Krieg geschworen wird: Nie wieder Krieg!
Der Schwur wurde 1939 gebrochen, wie so oft schon vorher in der europäischen Geschichte. Deshalb kommt es einem europäischen Wunder gleich, dass wir auf über 70 Jahre Frieden in Europa zurückblicken können.
Dass dies so ist, haben wir nicht unserer Generation zu verdanken.
Nein, wir verdanken den europäischen Frieden den Männern und Frauen, die aus den KZs und von den Frontabschnitten in ihre zerstörten und zerbombten Dörfer und Städte zurückkehrten und die diesen ewigen Nachkriegssatz "Nie wieder Krieg!", zu einem politischen Programm für einen ganzen Kontinent formten, indem sie die europäische Wiederversöhnung, die europäische Friedensintegration zu dem bestimmenden Motiv ihres restlichen Lebens machten.“

Und wir Deutschen heute?

Art. 2 des Zwei-plus-Vier-Vertrages vom 12. September 1990 über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland gilt mit Inkrafttreten am 15. März 1991:

Die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik bekräftigen ihre Erklärungen, dass von deutschem Boden nur Frieden ausgehen wird. Nach der Verfassung des vereinten Deutschlands sind Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, verfassungswidrig und strafbar. Die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik erklären, dass das vereinte Deutschland keine seiner Waffen jemals einsetzen wird, es sei denn in Übereinstimmung mit seiner Verfassung und der Charta der Vereinten Nationen.

Am 31. Dezember 2014 endete ein solcher Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, wo zeitweise mehr als 5000 deutsche Soldaten und Soldatinnen stationiert waren. 13 Jahre lang arbeitete die Bundeswehr im Rahmen des Kampfeinsatzes an der Stabilisierung Afghanistans. 56 deutsche Soldaten ließen dabei ihr Leben, in ihrem Dienst für Frieden, Recht und Freiheit. Wir stehen dankend, ehrend und respektvoll in ihrer Schuld. Denn sie haben als Soldaten ihr höchstes Gut für die Gesellschaft gegeben: ihr Leben.
Für die deutschen Soldatinnen und Soldaten sind es verantwortungsvolle und gefährliche Einsätze, bei denen sie immer wieder in Situationen kommen, in denen sie ihre Gesundheit und ihr Leben einsetzen.
Die Bundeswehr im Einsatz ist heute eine von den gewählten Abgeordneten des Deutschen Bundestages in den Einsatz geschickte Armee. Die Soldatinnen und Soldaten verrichten ihren Dienst im Auftrag unseres Volkes.
Gedenken, Trauer und Erinnerung hat dadurch eine veränderte Tradition. Im Focus stehen am Volkstrauertag Frauen und Männer, die im Einsatz für Frieden, Recht und Freiheit ihr Leben eingesetzt und verloren haben. (…)

Die Werte des deutschen Grundgesetzes sind auch ihr Vermächtnis: Freiheit und Menschenwürde.
Artikel 1: Die Menschenwürde ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (…)

Schlussgedanke:
Der Krieg hat grenzenloses unmenschliches Leid und Vernichtung für die Menschen gebracht; was für andere durch die Nationalsozialisten bestimmt war, traf dann Deutschland letztlich selbst.

71 Jahre danach wissen wir, wie Rache der Versöhnung, Vergeltung dem Wiederaufbau und Misstrauen der Zusammenarbeit weicht.
Für Versöhnung, Wiederaufbau und Zusammenarbeit steht Europa nach 1945 und nach 1990.
Die nationalen und ideologischen Schranken sind weg. Die Staaten sind heute reif genug, ihre Souveränität in Freiheit mit anderen zu teilen und diesen Prozess in rechtlich verbindliche Übereinkünfte einzubringen. Und: Das vereinte Deutschland ist ein Stabilitätsfaktor inmitten der europäischen Friedensordnung.

Robert Jungk war 1948 Korrespondent bei den Vereinten Nationen in New York.
Er kam zu dem Ergebnis, dass über die konstruktive Aufbauarbeit der UN und seiner Organisationen (UNESCO, WHO) medial so gut wie nicht berichtet wurde.
Die Einseitigkeit der Medien, nur auf Katastrophen und Sensationen zu reagieren, beschäftigte Jungk. Er gründete das Good News Bulletin, um diese Einseitigkeit der Nachrichten zu ergänzen. In seiner Zeitung wurden positive – oder besser gesagt – ermutigende Nachrichten abgedruckt. Für ihn gab es trotz aller Katastrophen und Krisen auch Ereignisse, die dem etwas entgegensetzen. Mit der (negativen) Einseitigkeit entsteht nicht nur ein falsches Bild, es werden auch Menschen entmutigt, die Ermutigung brauchen, damit sie Hoffnung und Kraft schöpfen.
In seinem Buch „Menschenbeben“ (1983) findet sich ein Satz, der seine Botschaft umreißt:
„Wenn ich bei allem Wissen um den Ernst der Weltlage trotzdem eine Wendung zum Besseren für möglich halte, dann gründet sich diese Hoffnung vor allem auf solche Vorgänge menschlicher Veränderung, die mehr und mehr Erschütterte zu Erschütternden, Enttäuschte zu Entwerfern machen.“

Aus der noch nationalstaatlich geprägten Gründerzeit des Jahres 1949 unseres Staates (damals unserer beider Staaten) ist eine globalisierte, in sich vernetzte und hoch komplizierte Welt geworden.
Die Verantwortung für das Gemeinwohl besteht nicht mehr in Wahrung eigener nationaler Interessen, sondern kann nur im Blick auf die ganze Welt richtig wahrgenommen werden. Das fordert die helfende Tat, „Entwerfer“ wie Jungk sagte.


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