Aktuelles (09.11.2016)

 

1938-2016:
Geleitwort anlässlich des 78. Jahrestages der Reichspogromnacht am 9. November 1938

Zum ehrenden Gedenken an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt,
die in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 vertrieben oder verschleppt oder ermordet wurden.

Mit der Machtübertragung und Kanzlerschaft Adolf Hitlers im Januar 1933 wurde erstmals in der Geschichte Rassismus und Antisemitismus zum Regierungsprogramm erhoben. Bringt man es auf eine einfache Formel, beruhte die Vorstellung Hitlers und seiner Nationalsozialisten darauf, dass Menschen unterschiedlich viel wert seien. Bestimmte Menschen und Menschengruppen wurden als „minderwertig“ eingestuft, verfolgt und ermordet, dazu zählten auch die Menschen jüdischen Glaubens und Abstammung.
Die Grundlage zur völligen Entrechtung der deutschen Juden wurde durch die „Nürnberger Gesetze“ (15.09.1935) geschaffen: Das „Reichsbürgergesetz“ machte sie zu Staatsbürgern zweiter Klasse, die dazugehörigen Durchführungsverordnungen nahmen den deutschen Juden bis 1942 Zug um Zug alle Rechte. Um die Jahreswende 1941/42 liefen die Vorbereitungen für die Ermordung aller deutschen und europäischen Juden. Erst die Alliierten-Streitkräfte konnten 1945 dem Morden ein Ende setzen. Neuere Forschungen bestätigen die Zahl von fast sechs Millionen ermordeter Juden, die man schon unmittelbar nach dem Krieg geschätzt hatte. Weniger als die Hälfte von ihnen wurde in Vernichtungslagern umgebracht, die anderen fielen Erschießungen, der Erstickung in „Gaswagen“, Misshandlungen oder den Lebensbedingungen in den Lagern und Ghettos zum Opfer. Fast 95% der Opfer stammten aus Osteuropa.

Von den knapp 600.000 deutschen Juden wurden über 180.000 ermordet, über 400.000 Menschen mussten Deutschland verlassen und fanden Exil in anderen Ländern; 12.000 deutsche Juden überlebten in Deutschland.
Einen entscheidenden Einschnitt in der Judenverfolgung bildete die „Reichskristallnacht“ vom 9. zum 10. November 1938. Vorwand für diesen staatlich organisierten Pogrom gegen die deutschen Juden vor 78 Jahren bildete das Attentat eines jungen Juden auf einen deutschen Botschaftsangehörigen in Paris. Auf höhere Weisung (Hitler, Goebbels) zogen Truppen vor allem der SA zu Synagogen und Geschäften von Juden, zündeten sie an und zerstörten sie. Tausende von Juden wurden aus ihren Wohnungen getrieben und misshandelt. 30.000 jüdische Männer wurden noch während der „Kristallnacht“ in Konzentrationslager gesperrt.
Aus den Akten des Kriminalamtes Chemnitz liegt der Stadt Meerane ein Protokoll vom 18. Januar 1947 über die Befragung eines Herrn E. B. aus Glauchau vor, in dem er seine Mitwirkung an der „Kristallnacht“ zugibt und schildert, wie er mit weiteren Mitwirkenden in Glauchau, Meerane, Mülsen und Oberlungwitz sich an den antijüdischen Aktionen mitbeteiligt. Er schildert die Übergriffe auf die Meeraner Familien Born und Wertheim.
Betroffen waren die Chemische Fabrik Meerane und das Wohnhaus der Familie Wertheim in der Crotenlaider Straße. Der Senior-Chef, Joseph Wertheim, wurde in der Folge der „Kristallnacht“ im Alter von 79 Jahren in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er am 05.09.1942 den Tod fand. Seine Söhne, Felix Oskar Wertheim (1895-1957) und Walter Friedrich Wertheim (1900-1985) wurden in der Pogromnacht ebenso verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt. Herr Walter Friedrich Wertheim führte die Zweigfabrik in Lugau. Nach ihrer Entlassung am 10.11.1938 flüchteten sie nach Argentinien, wo sie in Buenos-Aires lebten.
Herr Alfred Born, der sein Bekleidungsgeschäft in der August-Bebel-Straße 63 führte, wurde in der Nacht misshandelt und verhaftet. Laden und Wohnung wurden verwüstet. Er kam in das KZ Buchenwald. Am 7. Dezember wurde er mit der Maßgabe entlassen, Deutschland bis Ende 1939 zu verlassen. Alfred Born überlebte die Nazidiktatur.

Die Meeraner Unternehmerfamilie Wertheim

Foto: Stadtverwaltung Meerane / Lüde

Die Chemische Fabrik Meerane wurde am 25.04.1888 gegründet. Die Aufnahme vom 25.04.1938 zeigt die Belegschaft anlässlich des 50. Firmenjubiläums. In der vordersten Reihe ist die Unternehmensleitung zu sehen, mit Herrn Josef Wertheim (1859-1942) in der Mitte, flankiert von seinen Söhnen. Links sitzt der Prokurist der Firma, Herr Ewald Friedrich Lüde, dem 10 Prozent der Gesellschaftsanteile der Chemischen Fabrik Meerane GmbH gehörten; Hauptgesellschafter war mit 90 Prozent die Familie Wertheim mit den Geschäftsführern Josef Wertheim und Rudolf Wertheim (1894-1973/Santiago de Chile). Felix Oskar Wertheim (1895-1957) war Handlungsbevollmächtigter und Walter Friedrich Wertheim (1900-1985) führte die Zweigfabrik der Chemischen Fabrik Meerane GmbH in Lugau.

Das Schicksal der jüdischen Meeraner Unternehmerfamilie Wertheim steht für ein unendliches Leid als Opfer der nationalsozialistischen Rassenpolitik in den Jahren 1933 bis 1945.

Das Ehepaar Josef und Else Wertheim hatten sieben Kinder. Sohn Karl verstarb 1902 wenige Monate nach seiner Geburt. Drei Söhne überlebten die Verfolgung durch die Nationalsozialisten durch Flucht. Sohn Willy sowie die Töchter Charlotte Clara und Käthe wurden mit ihren Familien ermordet:

Sohn Willy Wertheim, inhaftiert 1935 im KZ Sachsenburg, erlag 1935 seinen Folterverletzungen.

Tochter Charlotte Clara Wertheim, verheiratete Seelig, wurde mit ihrem Mann Leopold Seelig in Auschwitz ermordet.

Tochter Käthe Wertheim verstarb 1944 im Ghetto Lodz. Sie war verheiratet mit dem in Polen geborenen Meeraner Leo Neumann, der in Auschwitz umkam (vermutlich auf einem der Todesmärsche). Sie hatten drei Kinder. Erika Susanne Neumann (geb. 1923) kam 1944 im KZ Stutthof um. Der 11-jährige Karl Bernhard Neumann (geb. 1933) wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Hans Heinz Neumann (geb. 1919) gelang die Flucht nach Sao Paulo.

Über die Enkelin Frau A. Lüde des damaligen Mitgesellschafters und Prokuristen, Herrn Ewald Friedrich Lüde (1870-1946), zuletzt wohnhaft in der Packhofstraße 9, gibt es Informationen, dass Herr Lüde einem der Wertheim Söhne zur Flucht vor den Nazis verhalf. In Folge wurde er selbst Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Er verstarb am 6.11.1946 in Meerane.

Zum ehrenden Gedenken an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt,
die in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 vertrieben oder verschleppt oder ermordet wurden.


 
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