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Geleitwort zum 27. Januar 2016, dem Tag des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus
Bürgermeister der Stadt Meerane, Professor Dr. Lothar Ungerer

 
 
Am Gedenkstein am Ehrenmal Zweiter Weltkrieg auf dem Meeraner Friedhof wird auch an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Der Gedenkstein enthält die Inschrift "Nie wieder Nationalsozialismus".


Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist in Deutschland seit 1996 ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag. Er ist als Jahrestag bezogen auf den 27. Januar 1945, den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und der beiden anderen Konzentrationslager Auschwitz.

Auschwitz ist als das größte Konzentrations- und Vernichtungslager in die Geschichte der Menschheit eingegangen. Auschwitz wurde zum Ort des Holocaust, dem Völkermord an den Juden. Deshalb erklärten die Vereinten Nationen im Jahr 2005 den 27. Januar auch zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

Der 27. Januar 1945 zählt zu den bedeutendsten Tagen in der Geschichte der Menschheit. Die SS des Lagers Auschwitz wurde durch einen Frontdurchbruch der 100. Schützendivision der sowjetischen Armee unter General Wassili Petrenko überrascht. Noch am 17. Januar 1945 fand der letzte Appell mit über 67.000 Häftlingen statt. In den Folgetagen wurde das Lager geräumt. Es blieb der SS keine Zeit mehr, alles zu vernichten, was von ihrer Schuld zeugen würde. Die SS jagte 58.000 Menschen westwärts. Im Lager blieben 9.000 kranke und entkräftete Häftlinge zurück; darunter viele Frauen und Kinder. Nur 7.000 Menschen erlebten die Befreiung; fast eintausend wurden in letzter Minute von etwa 100 SS-Männern ermordet; weitere Häftlinge starben nach der Befreiung.

1979 beschloss die UNESCO, das Gelände der Gedenkstätten in Auschwitz und Birkenau in die Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen. Das Gelände ist für alle Zeiten als Mahnmal für das Martyrium der Völker erhalten. Auschwitz-Birkenau ist der Beleg des Grausamen, zu dem der Mensch in einem System fähig ist, das auf Rassismus und Hass gegenüber anderen gründet.

Die Einheit Europas war ein Traum weniger. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für alle.
Konrad Adenauer (Bundeskanzler 1949-1963)

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war Europa 1945 durch die Erfahrungen des Krieges und des Faschismus nachhaltig erschüttert. Dies förderte die Entstehung europäischer Gemeinschaftsstrukturen.
Gefordert wurden diese auch im deutschen und europäischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Erinnert sei an das fünfte Flugblatt der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ um die Geschwister Sophie und Hans Scholl (beide ermordet am 22.02.1943), erschienen am 27. Januar 1943, das mit dem Zukunftsappell endet:
„Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen des neuen Europa.“

Nicht ein Europa der Mauern kann sich über Grenzen hinweg versöhnen, sondern ein Kontinent, der seinen Grenzen das Trennende nimmt.
Richard von Weizsäcker (Bundespräsident 1984-1994)

1945 beruhte der europäische Neubeginn auf den Prinzipien der Freiwilligkeit und der Zusammenarbeit der (west)europäischen Staaten. Die solidarische Bewahrung und Vervollkommnung von Frieden, Demokratie und Sicherheit ist ein zeitloses wie fundamentales Ziel gemeinschaftlicher Politik.

In diesem Ziel sind drei zukunftsbestimmende Dimensionen enthalten, die bis heute, 71 Jahre später, angesichts der Flüchtlingskrise hochaktuell geblieben sind:
Die Dimension des Friedens, der in der Tat sicher ist, soweit es in der Macht der Gemeinschaft steht. In ihrem Inneren sind die alten Nationalismen zumindest soweit überwunden, dass eine Neuauflage kriegerischer Ausbrüche undenkbar ist.
Die Dimension der freien rechtsstaatlichen Demokratie, deren Errichtung, Vervollkommnung und Verteidigung das spezifische Kennzeichen des sich ab 1945 gemeinschaftlichen Systems des freien Europa darstellte. Diese (west)europäische Idee wurde 1989/1990 gesamteuropäisch. Die Dimension der freien rechtsstaatlichen Demokratie ist die normative Orientierung schlechthin, daran darf man in der allgemeinen Suche nach Werten und Sinnstiftung in der gegenwärtigen europäischen Krise nüchtern erinnern.
Die Dimension der Sicherheit, die als Frieden in Freiheit definiert ist. In der internationalen Lage des Jahres 2016 verlangt die Sicherung der Zukunft von den europäischen Staaten sicherheitspolitische Klarheit und Entschiedenheit, auch jenseits der europäischen Strukturen. Globaler Herausforderung kann nur durch globale Solidarität begegnet werden.

Europa ist keine Gewißheit. Es ist auch keine Utopie oder Illusion. Es ist eine Aufgabe.
Anna Siemsen (1882-1951, deutsche Politikerin und Pädagogin)

Dass die gegenwärtige Europäische Union immer weniger gemeinschaftlich zu werden drohe, sind Anzeichen einer strukturellen Krise. Europa tritt auf der Stelle, seine Zukunft scheint ungewiss.
Gibt es aber nur die Krise, die Zweifel an der Tragfähigkeit weckt?
Man muss auch fragen, was erreicht ist. Denkt man an die Ausgangslage des Jahres 1945 sind die Erfolge und der Fortschritt der Gemeinschaft heute Alltäglichkeiten, politische Normalität. Soll dieser Fortschritt für die Zukunft gewonnen bleiben, kommt es entschieden darauf an, sich auf die geschichtlichen Erfahrungen zu besinnen, die sich hinter den Alltäglichkeiten verbergen.

Im ersten Halbjahr 2016 verantworten die Niederlande die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union. Das Präsidentschaftsprogramm beschrieb der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte wie folgt: Pragmatisch, nüchtern und ergebnisorientiert wolle man sich den „schweren Belastungsproben“ wie Flüchtlingszustrom, Terrorismus und Extremismus stellen und dabei mit „der verbindenden Kraft eines Brückenbauers“ Differenzen zwischen den Mitgliedsstaaten und der EU und ihren Bürgern überwinden helfen. „Europa muss vereint sein, um stark zu sein“, unterstrich er. Es gebe letztlich mehr, was die Europäer verbinde, als was sie trenne.

Es hat zwei Jahrhunderte und eine Reihe schrecklicher Kriege und Gewaltexzesse gebraucht, bis die europäischen Staaten einen Zustand entspannter Alltäglichkeit erreichten.
Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920-2015) hat in seiner historischen Ansprache zum 8. Mai im Jahre 1985 im Deutschen Bundestag dem Gedenken Worte gegeben, die an diesem 27. Januar 2016 in Erinnerung gerufen werden:

Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.
Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.
Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.
Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind.
Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mussten.
Wir gedenken der erschossenen Geiseln.
Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten. Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten.
Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen.

 
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