Aktuelles (19.11.2015)

 

Erich Knauf „Der unbekannte Zille“

Oder: Wie eine Reihe glücklicher Zufälle zur Veröffentlichung eines 80 Jahre alten Manuskriptes führten

Vor 80 Jahren, Anfang der 1930er Jahre, hat Erich Knauf, der aus Meerane stammende Journalist, Schriftsteller und Liedtexter, eine Biografie über den Berliner Zeichner Heinrich Zille geschrieben. Knauf war von 1928 bis 1933 Schriftleiter der Büchergilde Gutenberg in Berlin und hat sich mit seiner professionellen Programmgestaltung große Verdienste erworben. 1936 wurde er Pressechef der Filmproduktionsgesellschaft Terra Film in Berlin.
Das Manuskript mit dem Titel „Der unbekannte Zille“ lag ihm sehr am Herzen, aber eine Veröffentlichung kam damals nicht zustande.
Wegen einer missliebigen Theaterkritik in der Berliner Zeitung verbrachte Erich Knauf bereits 1934 mehrere Monate in den Konzentrationslagern Oranienburg und Lichtenburg. Im Mai 1944 wurde er im Zuchthaus Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet. Ein Nachbar hatte ihn und seinen Freund Erich Ohser – bekannt als e.o.plauen – beim Erzählen politischer Witze belauscht und denunziert.
Nach seinem Tod hat seine Witwe Erna Knauf versucht, einen Verlag für das Manuskript zu finden. Sie erhielt jedoch Absagen, die oft damit begründet wurden, dass man zum Text von Erich Knauf auch Zille-Zeichnungen veröffentlichen wolle, die Rechte diesbezüglich aber nicht klären konnte.
Die Geschichte hätte an dieser Stelle zu Ende sein können, wenn nicht mehrere (glückliche) Zufälle dazu geführt hätten, dass seit einigen Wochen druckfrisch die Biografie „Der unbekannte Zille“ von Erich Knauf vorliegt, erschienen im Vergangenheitsverlag, herausgegeben von Pay Matthis Karstens mit erläuternden Texten von Wolfgang Eckert und Pay Matthis Karstens.

In einer Lesung am 2. November 2015 in der Werner-Bochmann-Ausstellung im Kunsthaus Meerane, in der auch Erich Knauf gedacht wird, stellten Wolfgang Eckert und Pay Matthis Karstens das Buch einem interessierten Publikum, darunter auch Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer, vor.
„Wolfgang Eckert ist es zu verdanken, dass Erich Knauf nicht in Vergessenheit geraten ist“, betonte Angelika Albrecht, Fachbereichsleiterin Kultur der Stadtverwaltung. „Ich freue mich sehr, dass Herr Eckert und Herr Karstens heute das Buch ‚Der unbekannte Zille‘ bei uns vorstellen.“

Durch einen Zufall ist der Meeraner Schriftsteller Wolfgang Eckert auf Erich Knauf aufmerksam geworden. In den 1970er Jahren fand er in einem regionalen Heimatblatt ein Kreuzworträtsel, in dem ein „Schriftsteller, in Meerane geboren“ einzutragen war. Eckert schmunzelte, als er dem Publikum berichtete, wie er sich freute, doch dann passte sein Name nicht. Ein Versehen, dachte er, aber dann fand er später in der Auflösung den Namen „Knauf“, den er noch nie gehört hatte. Dann las Wolfgang Eckert zufällig den Artikel „Eine unbezahlte Rechnung“ in Erich Kästners Buch „Da samma wieda!“ und erfuhr hier bestürzt von den Umständen von Knaufs Tod. Er setzte sich mit Erich Kästner in Verbindung und dieser teilte ihm die Anschrift von Knaufs Witwe Erna mit, die in Berlin-Tempelhof wohnte. Eckert nahm Kontakt mit ihr auf, erst brieflich, dann erhielt er sogar von den DDR-Behörden die Erlaubnis, sie zu besuchen. 1987 erhielt er von ihr den Nachlass Erich Knaufs.
Im Vorwort zum Buch „Der unbekannte Zille“ schreibt Eckert dazu: „Der Nachlass Erich Knaufs machte mich von einem Betrachter zu einem Betroffenen. Seine Bücher erstaunten mich durch die untrügliche Beurteilung der Zeit, in der sie spielten. Als ich seinen Abschiedsbrief las, mit empfindsamen Worten kurz vor dem Ende auf ebenso durch die Zeit empfindsam gewordenes Papier geschrieben, an den Seiten eingerissen und mit durchsichtigem Klebeband zusammengehalten, entschloss ich mich, Knauf und sein Werk aus der Vergessenheit zu holen, in die er durch den Lauf der Zeit gesunken war.“
1998 erschien die Biografie über Erich Knauf von Wolfgang Eckert unter dem Titel „‘Heimat, deine Sterne‘ – Leben und Sterben des Erich Knauf“.
Im Nachlass von Erich Knauf fand Wolfgang Eckert auch ein Manuskript mit dem Titel „Der unbekannte Zille“, ein Durchschlag, auf dem einzelne Wörter bereits zu verblassen begannen. Zum Ende des Jahres 2013 tippte Wolfgang Eckert das Manuskript ab, „um noch rechtzeitig zu retten, was da vergilbte.“
Zu dieser Zeit entdeckte Michael Pflumm, Berliner Tenor mit internationalem Ruf, in einem Antiquariat die Biografie Eckerts zu Erich Knauf. Was er las, berührte ihn und insbesondere wollte er gern den in dem Buch enthaltenen Chansontext „Ich bin so gerne auf der Welt“ von Erich Knauf vertonen und singen. So nahm Michael Pflumm Kontakt zu Wolfgang Eckert auf. Ein paar Monate später kam Pflumm in einem Gespräch mit dem stellvertretenden Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form der Akademie der Künste, Dr. Gernot Krämer, auf die Knauf-Biografie zu sprechen. Dieser war interessiert, kontaktierte Wolfgang Eckert, und dieser wiederum berichtete von dem Zille-Manuskript. In der Juli/August-Ausgabe 2014 erschienen Auszüge aus dem Manuskript mit einer Nachbemerkung von Wolfgang Eckert. Dies schließlich las Pay Matthis Karstens, Kunsthistoriker und Germanist aus Berlin und Autor des Buches „Verboten und verfälscht. Heinrich Zille im Nationalsozialismus“ (2012). Er setzte sich mit Wolfgang Eckert in Verbindung. „So kam in einer sehr guten Zusammenarbeit dieses Buch zustande“, so Wolfgang Eckert.

Pay Matthis Karstens war zur Vorstellung des Buches extra nach Meerane gekommen. In seinem Nachwort „Ein ganzheitliches Lebensbild“ schreibt er: „Dass Erich Knauf (1895–1944) das vorliegende Manuskript bereits vor 80 Jahren zu Papier brachte, mag überraschen. Denn die Sprache und der Stil, mit denen sich Knauf nach einer umfassenden Analyse des politischen, sozialen und kunsthistorischen Kontextes dem Leben und Werk Heinrich Zilles (1858–1929) zuwendet, muten erstaunlich modern an. Doch das ist nicht die einzige Überraschung, die der Text bereithält. Denn anders als der Titel verspricht, besteht der Wert des Manuskriptes nicht darin, Einblicke in bislang ‚unbekannte‘ Facetten von Leben und Werk Heinrich Zilles zu geben. Er besteht vielmehr in einer bis dahin ungekannt kritischen und ganzheitlichen Auseinandersetzung mit dem Zeichner.“ Auffallend oft, so Karstens, stellte Knauf den sozialkritischen Gehalt im Gesamtwerk Zilles in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.
Pay Matthis Karstens las aus „Der unbekannte Zille“ die Schilderungen Knaufs über die familiäre Situation des jungen Zille, die von großer Armut und Schulden geprägt waren, obwohl der Vater arbeitete und auch die Mutter und die Kinder mitverdienten, mit der „Herstellung von Massenschund“. Knauf zeichnet mit seinen Worten ein Bild des damaligen Berlin und auch der städtischen Verelendung und schreibt in diesem Zusammenhang über Zille: „Das ‚Milljöh‘, dessen Zeichner er später wurde, brauchte er wahrlich nicht aufzusuchen; es rückte ihm von Jugend an lebensgefährlich auf den Leib...“
Für seine Biografie stützte sich Knauf maßgeblich auf vorherige Publikationen über Heinrich Zille, so Karstens. Mit der Familie des Zeichners stand er in keinem Kontakt, hatte kein Abhängigkeitsverhältnis und näherte sich Zille anders als andere damalige Publizisten. „Aus angemessener Distanz übte Erich Knauf Kritik am Kunstschaffen und an der Selbstvermarktung Heinrich Zilles“, heißt es im Nachwort von Pay Matthis Karstens, und an anderer Stelle: „Die Bereitschaft zur exzessiven Selbstvermarktung kennzeichnet die letzten Lebensjahre Heinrich Zilles und lässt sich vermutlich, wie Knauf richtig erkannte, auf die einst mühsam erarbeiteten künstlerischen wie finanziellen Erfolge zurückführen.“ Zille ließ sich als Werbeträger für eine nach ihm benannte Zigarettenmarke einspannen, und es gab die sogenannten „Hofbälle bei Zille“, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Zur Lesung im Gespräch mit Wolfgang Eckert sagte Pay Matthis Karstens: „Mein persönlicher Höhepunkt: Knauf folgt den Spuren von Leben und Werk Zilles, schweift aber auch ab und schreibt über Streifzüge durch die Kaiserzeit und die Weimarer Republik. Es ist ein Buch, welches wir heute gut lesen können, mit einer modernen, knappen und pointierten Sprache.“
Eckerts Vorwort endet mit den Worten: „Wir sprechen oft vom Vergessen und der Gleichgültigkeit der Zeit. Aber hier wird eine Regel durchbrochen. Und der seit siebzig Jahren tote und vergessene Erich Knauf beginnt mit seinem geschriebenen Wort noch einmal so zu leben wie es gelegentlich im glücklichen Fall nur Schriftstellern zustoßen kann.“

Foto links: Wolfgang Eckert (li.) und Pay Matthis Karstens ist es zu verdanken, dass das Manuskript von Erich Knauf nach 80 Jahren veröffentlicht wurde.

Lesung „Der unbekannte Zille“ in der Werner-Bochmann-Ausstellung im Kunsthaus.


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