Aktuelles (08.12.2015)

 

„Vergangenheit ist noch lange nicht vergangen“ - Erinnerung an erlittenes Unrecht

In einer sehr bewegenden Gedenkstunde mit vielen Gästen im Gebäude des ehemaligen Amtsgerichtes in der Amtsstraße 5 erinnerte die Stadt Meerane am 19. November 2015 an das Schicksal von Jugendlichen aus Meerane, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Sommer 1945 von der sowjetischen Geheimpolizei NKWD als sogenannte „Werwölfe“ festgenommen und über verschiedene Haftanstalten (darunter das damalige Amtsgericht) ins Speziallager Mühlberg und in Straflager nach Sibirien verschleppt wurden.
Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer und Johannes Groschwitz, der in den vergangenen Monaten zu diesem Thema recherchierte und eine sehr informative Ausstellung mit vielen Dokumenten und Fotos erstellte, konnten hier neben dem Zeitzeugen Herrn Werner Keller aus Meerane, der zu den nach Sibirien verschleppten Meeraner Jugendlichen gehörte, noch weitere Zeitzeugen und Familienangehörige der betroffenen Jugendlichen aus Meerane begrüßen. Dazu gehörten Siegfried Müller aus Hundshübel, Herbert Hecht aus Quedlinburg und Eberhard Hoffmann aus Burgstädt, die wie Werner Keller zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschleppt wurden, und auch die Witwen von drei betroffenen Meeranern: Margot Eger, Barbara Rösch und Brigitte Schmidt. Dass auch so viele weitere Meeraner Bürgerinnen und Bürger gekommen waren, zeigte das große Interesse an den damaligen Ereignissen.
„Die Verschleppung von Jugendlichen und weiterer Meeraner Bürger durch den Sowjetischen Geheimdienst nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Thema, welches in unserer Stadt bisher nicht aufgearbeitet wurde“, sagte Professor Dr. Ungerer. Er verwies darauf, dass die Liste der Betroffenen auf den Ausstellungstafeln sicher nicht vollständig ist. Bei der Recherche hat man sich auf die Zuarbeiten der Initiativgruppe Mühlberg gestützt, und nach der Ankündigung der Gedenkstunde in den Medien haben sich weitere Meeraner Familien gemeldet.
„Wir, die Leid nicht erdulden mussten, sind in einer anderen Situation als die, die Leid erfahren haben. Moderne Staaten haben sich von Gewaltexzessen befreit, es gilt Recht statt Gewalt. Für uns nach dem Krieg Geborenen ist der Friede Normalzustand“, betonte er und verlas zum Ende seiner Ansprache den Text der Gedenktafel, die anlässlich der Gedenkstunde am Gebäude Amtsstraße 5 angebracht wurde:
„Zum Gedenken an die Entrechtung und Deportation der Meeraner Jugendlichen, die während der Jahre 1945 bis 1950 in den Speziallagern des NKWD (Sowjetische Geheimpolizei) unschuldig inhaftiert waren. Die Erinnerung an das erduldete Unrecht ist eine bleibende Aufgabe. Sie ist heute eingebettet in unsere demokratischen Werte, in deren Kern das Prinzip steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

In dem folgenden Gespräch zwischen Johannes Groschwitz und Werner Keller schilderte dieser die damaligen Ereignisse, die Umstände der Verhaftung und die Verschleppung in das Speziallager Mühlberg über verschiedene Haftstationen, die unmenschlichen Zustände in diesem Lager, in dem viele Gefangene an Hunger und Krankheit, auch bedingt durch die katastrophalen hygienischen Bedingungen, starben. Dazu die Ungewissheit, wie es weitergeht und ob man jemals wieder nach Hause kommt. Die Zustände in Mühlberg waren so schlimm, dass die Meeraner Jugendlichen im Transport nach Sibirien, obwohl sie erst an der polnisch-russischen Grenze begriffen, wohin es ging, sogar eine Chance zum Überleben sahen. Für diesen Transport übrigens wurden die Gefangenen mit früheren Wehrmachtsbeständen eingekleidet, darunter auch Pelzmützen, die für den späteren Namen „Pelzmützentransport“ verantwortlich waren. In Sibirien angekommen, mussten sie die Kleidung wieder abgeben.
In Sibirien, in Ansherka, musste Werner Keller im Schacht arbeiten, eine schwere und gefährliche Arbeit. Hier bekamen die Gefangenen, wenn der Plan erfüllt wurde, sogar Lohn gezahlt, von dem allerdings Lohnsteuer, Unterkunftskosten und Reparationsleistungen abgezogen wurden. Später kam er nach Nowokusnezk, wo er in der Schwerindustrie eingesetzt war. Erst 1950 kam Werner Keller wieder nach Hause
Zur Verhaftung 1945 in Meerane berichtete Werner Keller, dass die russischen Soldaten eine Liste mit den elf Namen der Jugendlichen bei sich hatten. Sie waren in der Hitlerjugend gewesen und wurden wahrscheinlich von einem weiteren Mitglied verraten, der sich damit selbst schützte. Sie waren aber – damals erst 16 oder 17 Jahre alt – nie an Kampfhandlungen beteiligt, und sie waren auch keine sogenannten Werwölfe.
Der Werwolf-Verdacht wurde nie bestätigt, nach Auswertung von Dokumenten hat es diese von den Nationalsozialisten in den letzten Kriegsmonaten als ‚Nationalsozialistische Untergrundbewegung‘ gedachte Organisation in Meerane nie gegeben, erklärte Johannes Groschwitz dazu. Keiner der Meeraner Jugendlichen ist jemals durch die sowjetische Staats- bzw. Militärjustiz angeklagt und verurteilt worden. In der Geschichtsforschung wird die Meinung vertreten, dass die Verschleppung, insbesondere von jungen Menschen, als reine Arbeitskräftebeschaffung für die sowjetische Wirtschaft zu betrachten ist, so Johannes Groschwitz.
Nach ihrer Rückkehr aus Sibirien bzw. den Speziallagern des NKWD durften die Betroffenen in der DDR bei Androhung von Strafen nicht über das Geschehene berichten. Was passiert war, war tabu. „Wir mussten unterschreiben, dass wir nichts erzählen“, sagte Werner Keller.
Auch nach 1990 ist keine Rehabilitation der Betroffenen erfolgt. Zwar sollten die Jugendlichen aus Meerane, die wie viele andere Deutsche zu Unrecht verschleppt wurden, in den 1990er Jahren durch die Sowjetunion rehabilitiert werden, da sie aber niemals verurteilt worden sind, sah sich die Sowjetunion außerstande, die betroffenen Personen mangels Rechtsgrund zu rehabilitieren.

Nach dem Gespräch meldeten sich verschiedene Gäste zu Wort, darunter Karl-Heinz Rösch, der jüngere Brüder von Erwin Rösch. Erwin Rösch war Werner Kellers Freund, beide wurden zusammen verhaftet. „Mein Bruder hat mich gebeten, sollte es jemals in Meerane zu dieser Veranstaltung kommen, soll ich reden“, sagte er. Margot Eger, die Witwe von Manfred Eger, war aus Coburg angereist. Sie dankte im Namen ihres Mannes der Stadt Meerane. „Dass jetzt an diese Ereignisse und die Schicksale der damaligen Jugendlichen gedacht wird, war ihm immer ein großes Anliegen und eine Herzensangelegenheit!“ Wie Johannes Groschwitz betonte, hat Manfred Eger großen Anteil daran, dass den Geschehnissen nun gedacht wird. „Seit den 90er Jahren war er ein unermüdlicher Mahner“, sagte er.
Bürgermeister Professor Dr. Ungerer und Johannes Groschwitz dankten nochmals herzlich Werner Keller für das Zeitzeugengespräch und die Bereitstellung von privaten Dokumenten und Bildern. „Ohne seine Unterstützung hätte dieses Thema in unserer Stadt nicht aufgearbeitet werden können!“, betonte Johannes Groschwitz.

Herbert Hecht und Siegfried Müller, die ebenfalls zur Gedenkstunde nach Meerane gekommen waren, sind mit zwei weiteren ehemaligen Verschleppten 1997 noch einmal nach Sibirien gereist, und sie hatten die Orte ihrer Deportation aufgesucht. Diese Reise wurde von einem Kamerateam begleitet, im Anschluss entstand ein bewegender Film: „Wir waren schon halbe Russen…“.
Dieser Film wurde im Rahmen der Gedenkstunde gezeigt, und im Anschluss sprach Johannes Groschwitz aus, was wohl alle Gäste fühlten: „Es geht mir immer wieder sehr nahe, obwohl ich den Film heute nicht zum ersten Mal gesehen habe“, sagte er.
„Wir sind, das wissen wir, nicht fertig“, erklärte Bürgermeister Professor Dr. Ungerer zum Abschluss der Gedenkstunde. „Durch die Berichterstattung haben sich Meeraner gemeldet, die von weiteren Schicksalen berichtet haben. Wir werden dies weiterentwickeln.“

Die im Rahmen der Aufarbeitung entstandenen Ausstellungstafeln werden künftig im Neobarocken Postgebäude zu sehen sein wird, geöffnet unter anderem zu besonderen Veranstaltungstagen wie dem Internationalen Museumstag oder dem Tag des offenen Denkmals.

Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer begrüßte die zahlreichen Gäste, darunter auch Margot Eger, die aus Coburg angereist war.
Werner Keller und Johannes Groschwitz im Gespräch.
Betroffene und Angehörige von Betroffenen sprachen im Rahmen der Gedenkveranstaltung zu den Gästen.
Johannes Groschwitz mit Werner Keller, Siegfried Müller, Herbert Hecht und Eberhard Hoffmann, die zu den damals Verschleppten gehörten, sowie Margot Eger, Ehefrau von Manfred Eger, Barbara Rösch, Ehefrau von Erwin Rösch, und Brigitte Schmidt, Ehefrau von Georg Schmidt.

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