Aktuelles (19.11.2015)

 

„Ein Lehrstück aus der schlimmen Zeit deutscher Geschichte“

Der Schönberger Autor Joachim Krause hat in den vergangenen Jahren bereits zu verschiedenen geschichtlichen Themen mit lokalem Bezug recherchiert. Für seine Dokumentation „Die Entlassung der Lehrer Kuske und Klee 1933 an der Oberrealschule in Meerane im Zuge der ‚Gleichschaltung‘“ hat er in der Zeit des beginnenden Nationalsozialismus geforscht. Seine Dokumentation stellte er am 28. Oktober 2015 einem interessierten Publikum in der Meeraner Stadtbibliothek vor.
Joachim Krause ist der Enkel des bekannten Meeraner Chronisten Willibald Krause, einer der beiden Autoren des „Heimatbuches der Stadt Meerane“. 1930 wurde dieses Buch gemeinsam von Oskar Philipp und Willibald Krause herausgegeben. Professor Dr. Oskar Philipp war 1933 Konrektor der Oberrealschule Meerane, Willibald Krause Studienrat.

Joachim Krause, der zur Biografie seines Großvaters forscht, hat in dessen Nachlass Fotos von zwei Lehrern gefunden, die 1933 entlassen worden waren, und sich auf die Spur dieser Geschichte begeben.
Im Kreisarchiv in Glauchau fand Joachim Krause dazu verschiedene Dokumente, nahm Einblicke in Akten und setzte die damaligen Ereignisse zusammen. „Für mich handelt es sich um ein ‚Lehrstück‘ aus der schlimmen Zeit deutscher Geschichte; diesmal aber nicht weit weg, sondern direkt in unserer Nähe passiert“, sagte er.
Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler als Reichskanzler vereidigt, die Nationalsozialisten übernahmen die Macht in Deutschland. Nach dem Ermächtigungsgesetz vom März 1933 trat am 7. April 1933 das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ in Kraft, welches dazu diente, jüdische und politisch missliebige Beamte aus dem Dienst zu entfernen. Zweck des Gesetzes waren die Verwirklichung der rassenpolitischen Ziele der NSDAP und die Gleichschaltung des öffentlichen Dienstes.
Bereits bevor dieses Gesetz erlassen wurde, nahmen die Vorgänge um die Lehrer Kuske und Klee in Meerane ihren Anfang.
Am 16. März 1933 erhielt der damalige Bürgermeister ein Schreiben des Ortsgruppenleiters der NSDAP, welches sich auf einen Zeitungsausschnitt „Dienstverbot gegen kommunistische Lehrer und Beamte in Sachsen“ bezog. Der Bürgermeister wurde ersucht, die Studienräte Erich Kuske und Karl Klee vorläufig zu beurlauben und das förmliche Dienststrafverfahren auf Dienstentlassung einzuleiten. „Sie sind durch die Herren Stud. Ass. Bernstein und Stud. Ref. Lindner zu ersetzen …“ heißt es weiter in diesem Schreiben.
Eine Gruppe „besorgter und wohlgesinnter“ Meeraner Bürger denunzierte in einem zwei Tage später abgeschickten Brief an das Dresdner Volksbildungsministerium die beiden Lehrer. Angeblich sollten sie der SPD angehören, Studienrat Kuske sei zudem aus der Landeskirche ausgetreten; und beim Hissen der Hakenkreuzfahne auf dem Schulgelände hätten gerade diese beiden Lehrer gefehlt.
Die NSDAP-Ortsgruppe reichte erst eine Woche später ein 6-seitiges Begründungsschreiben nach. Den Lehrern wird darin eine pazifistisch-marxistische Gesinnung vorgeworfen, antichristliches Benehmen und ein kritisches persönliches „Urteil über Adolf Hitler und den Nationalsozialismus“. Zu Kuske heißt es, er sei als ein „gefährlicher Schädling einer christlichen nationalen Erziehung und Lehre zu betrachten.“ Klee habe gegenüber Schülerinnen erklärt, „er habe noch nie eine so geistlose Rede gehört, wie die des Reichskanzlers Adolf Hitler im Sportpalast.“
In den darauf folgenden Wochen gingen verschiedene Schreiben und Stellungnahmen zwischen dem Bürgermeister, der örtlichen Polizeibehörde und dem sächsischen Volksbildungsministerium, welches halbherzig eine Untersuchung fordert, hin und her. Die beschuldigten Lehrer äußerten sich zu den erhobenen Vorwürfen. Die NSDAP schickte weitere „Beweise“ an den Bürgermeister.
Der Konrektor der Oberrealschule, Prof. Dr. Oskar Philipp, konnte und wollte die Entlassung der beiden Lehrer offenbar nicht mit verantworten, er ließ sich krankschreiben und fünf Jahre vor dem regulären Termin pensionieren.
Am 24. März 1933 fand im Rathaus eine Vernehmung von geladenen „Zeugen“ statt, von denen entlastende und belastende Argumente eingebracht wurden.
Der Druck auf die Lehrerschaft nahm zu. Wie Joachim Krause informierte, traten 1933 97 Prozent der Lehrer in Deutschland in den nationalsozialistischen Lehrerbund ein, 33 Prozent in die NSDAP, darunter auch Willibald Krause.
Am Ende erwiesen sich alle vorgebrachten Anschuldigungen gegenüber den beiden Lehrern als nicht haltbar, trotzdem stellte das Volksbildungsministerium am 28.8.1933 den Antrag, beide Lehrer aus dem Schuldienst zu entlassen. Die Entlassung erfolgte schließlich nicht durch den Schulträger, den Stadtrat von Meerane, sondern wurde vom sächsischen NSDAP-Gauleiter Mutschmann persönlich exekutiert, so Joachim Krause, alles belegt durch nüchterne Akten.
Nach Ende seines Vortrages gab es ein reges Gespräch mit dem Publikum. Wie Joachim Krause auf Nachfrage mitteilt, konnte er leider nicht in Erfahrung bringen, was aus den beiden Lehrern geworden war. „Für mich war es sehr erschütternd zu lesen, wie die Dinge abgelaufen sind“, sagte er.

Die Lehrer Karl Klee und Erich Kuske. Fotos: privat
Joachim Krause zur Vorstellung seiner Dokumentation am 28. Oktober 2015 in der Stadtbibliothek.

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