Aktuelles (20.11.2015)

 

Nicht nur spannend, sondern auch wahr – Menschenraub und Stasi gehörten eng zusammen

Am 12. November 2015 war die Historikerin Dr. Susanne Muhle zur Lesung ihres Buches „Auftrag: Menschenraub – Entführungen von Westberlinern und Bundesbürgern durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR“ in der Stadtbibliothek zu Gast. Dieses 600 Seiten umfassende Werk hat sie nach akribischer Kleinst- und Recherchearbeit erst in diesem Jahr fertig gestellt und lässt nun die Öffentlichkeit an ihren Erkenntnissen teilhaben – und die sind äußerst spannend, aber leider eben auch wahr. So ist mittlerweile bekannt, dass zirka 400 Menschen in den 1950er und 1960er Jahren überfallen, betäubt und entführt wurden. Soweit mag dies wie ein täglicher Nachrichtenbeitrag klingen, doch das Besondere daran ist, dass diese Menschen aus der Bundesrepublik und vor allem West-Berlin in die DDR verschleppt – teilweise auch gelockt – und dort inhaftiert wurden. Mit eindrucksvollen Beiträgen der damaligen Tagespresse belegte die Historikerin ihre aus den hunderten von gesichteten Stasi-Akten gewonnenen Erkenntnisse. Die Drahtzieher dieser ungeheuerlichen Aktionen war das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), welches Inoffizielle Mitarbeiter (IM) mit Entführungsaufträgen in den Westen schickte. Ins Visier gerieten Mitarbeiter westlicher Geheimdienste, politische Gegner des SED-Regimes im Westen sowie in den Westen geflüchtete DDR-Bürger, in den Augen des Regimes „Republikflüchtlinge“.
Wie Dr. Susanne Muhle erklärte, wurden die Opfer zum Teil jahrelang auf Schritt und Tritt beobachtet, bis der Tag „X“ da war. Die Entführung dabei konnte unterschiedlich ausfallen. „Stasi-Mitarbeiter überfielen und entführten ihre Opfer zum Teil auf offener Straße, betäubten sie in vertrauter Umgebung oder lockten sie durch perfide Täuschungsmanöver auf DDR-Gebiet, um sie dort festzuhalten“, erklärt sie den gespannten Publikum – darunter auch Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer. Er zeigte sich bereits in seinen Begrüßungsworten interessiert, da er diese Begebenheiten aus dem westlichen Teil Deutschlands kannte und dankte auch dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) – Außenstelle Chemnitz – für die Aufarbeitung eines weiteren Kapitels der DDR-Geschichte. Denn nur auf Grundlage von MfS-Akten und bundesdeutscher Unterlagen konnte die Historikerin eine umfangreiche Analyse über die Mechanismen und Funktionen der Entführungspraxis des MfS erstellen.

Das Buch „Auftrag: Menschenraub – Entführungen von Westberlinern und Bundesbürgern durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR“ kann mittlerweile auch in der Stadtbibliothek ausgeliehen werden und verspricht – trotz wissenschaftlich-geschichtlicher Erkenntnisse – ein spannendes Leseerlebnis. Die Autorin hat für dieses Werk den Opus-Primum-Preis bekommen. Dieser Förderpreis prämiert wissenschaftliche Publikationen, die gut lesbar geschrieben und auch einem breiten Publikum verständlich sind. Die Begründung der Jury dazu: „Susanne Muhle hat ein Werk verfasst, das den Leser berührt!“ Und davon konnten sich bereits die Besucher zur Lesung überzeugen.
Auch Angelika Albrecht, Fachbereichsleiterin Kultur und Leiterin der Stadtbibliothek, freute sich über die Resonanz und dankte ebenfalls der BStU-Außenstelle Chemnitz sowie der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, welche Kooperationspartner der Veranstaltung waren.
Die Moderation der Veranstaltung hatte Sandra Buchler (BStU) übernommen. Sie gab Einblicke in die Arbeit der Historikern Dr. Susanne Muhle und stellte das 600 Seiten umfassende Buch vor. Zudem erläuterte sie die Vergabe des Förderpreises „Opus Primum“.

Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer begrüßte die Gäste der Lesung. Die Historikern Dr. Susanne Muhle und Sandra Buchler (BStU), die die Veranstaltung moderierte.

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