Gedenkstunde

 

„Vergangenheit ist noch lange nicht vergangen“

Gedenkstunde mit Ausstellung für die 1945 inhaftierten und verschleppten Jugendlichen aus Meerane in das sowjetische Speziallager Mühlberg und nach Sibirien

Die Stadt Meerane lädt am Donnerstag, 19. November 2015, um 18:30 Uhr, alle Bürgerinnen und Bürger und interessierte Gäste zu einer Gedenkstunde in das ehemalige Amtsgericht Meerane, Amtsstraße 5 ein. Mit dieser Gedenkstunde, verbunden mit einer Ausstellung und der Enthüllung einer Gedenktafel, wird an die 1945 inhaftierten und in das sowjetische Speziallager Mühlberg und nach Sibirien verschleppten Jugendlichen aus Meerane erinnert.

Johannes Groschwitz, der bereits die Ausstellung „DDR-Geschichte Meerane – Einblicke in die Zeit 1968–1976“ erarbeitete, hat sich in den vergangenen Monaten intensiv mit diesem Thema beschäftigt, recherchiert und eine Ausstellung zusammengestellt. Viele Gespräche hat er mit dem Zeitzeugen Werner Keller aus Meerane geführt. Werner Keller ist einer der damaligen Jugendlichen, die nach Sibirien verschleppt wurden. Erst 1950 ist er nach Meerane zurückgekehrt.

Herr Keller ist vielen Meeranern gut bekannt. 33 Jahre arbeitete er als Lehrer für Kunsterziehung, Musik und Sport an Meeraner Schulen. Zudem ist er seit Jahrzehnten mit dem Meeraner Handball und dem Kegelsport eng verbunden, spielte Handball in der Kreisklasse und Bezirksliga und trainierte ab 1955 sämtliche Mannschaften. 1969 wechselte er zur Sektion Kegeln, engagierte sich auch hier als Sektionsleiter und baute eine Seniorenmannschaft auf.
Johannes Groschwitz: „Die Stadt Meerane dankt Herrn Keller für das Zeitzeugengespräch und die Bereitstellung von privaten Dokumenten und Bildern ganz herzlich. Ohne seine Unterstützung hätte dieses Thema nicht aufgearbeitet werden können!“

Zu den damaligen Ereignissen erklärt Johannes Groschwitz: „Die Stadt Meerane wurde am 1. Juli 1945 entsprechend alliierter Vereinbarungen durch die Rote Armee besetzt. Unmittelbar danach kam es im Rahmen von ‚Säuberungsaktionen‘ zu Verhaftungen. Betroffen davon waren auch elf Jugendliche, die vom NKWD, der sowjetischen Geheimpolizei, als so genannte ‚Werwölfe‘ festgenommen wurden. Die jungen Männer waren zunächst im Meeraner Amtsgericht inhaftiert und wurden später über verschiedene Haftanstalten ins Speziallager Mühlberg verschleppt. Für fünf von ihnen ging es noch weiter bis in sowjetische Zwangsarbeitslager nach Sibirien.
Die sogenannten ‚Werwölfe‘ waren von den Nationalsozialisten in den letzten Kriegsmonaten gedacht als ‚Nationalsozialistische Untergrundbewegung‘, die im Hinterland der von den Alliierten befreiten Gebiete Anschläge verüben sollte. ‚Werwölfe‘ hat es nach Auswertung von Dokumenten in Meerane nie gegeben. Richtig wäre daher ‚Werwolfverdacht‘ als Verhaftungsgrund für die Jugendlichen gewesen.
Keiner der Meeraner Jugendlichen, wie auch zehntausende anderer ihrer Leidensgenossen, sind jemals durch die sowjetische Staats- bzw. Militärjustiz angeklagt und verurteilt worden. Dem Erinnern an diese Willkürmaßnahme und dem damit im Zusammenhang stehenden stalinistischen Unrecht ist diese Gedenkstunde gewidmet.“

Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer: „Von Herrn Noah Flug (1925–2011), polnisch-israelischer Ökonom und Diplomat sowie langjähriger Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees, stammt der Gedanke: ‚Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. Sie ist immer konkret: Sie hat Gesichter vor Augen, und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluss für bearbeitet oder für beendet zu erklären.‘ In diesem Sinne setzt die Stadt Meerane ihre historische Aufgabe fort, an Vorgänge in unserer Stadt zu erinnern, die öffentlich noch nicht im Blickpunkt waren. Anlässlich der Zeitenwende 1945 gedenken wir in diesem Jahr an die Entrechtung und Deportation der Meeraner Jugendlichen, die von 1945 bis 1950 in den Speziallagern des NKWD (Sowjetische Geheimpolizei) unschuldig inhaftiert waren. Ein Kapitel Stadtgeschichte, das auch ‚kein Verfallsdatum‘ hat, wie es Noah Flug ausdrückte. Ich danke vor allem sehr herzlich den Herren Werner Keller und Johannes Groschwitz, die mit ihrer Arbeit in den vergangenen Monaten unser heutiges Erinnern ermöglichen.“

Anlässlich der Gedenkstunde wird eine Ausstellung zu sehen sein. Dabei gibt es Informationen über folgende Themenkomplexe:
– Eine fast unbekannte Meeraner Geschichte
– Die Speziallager in der Sowjetischen Besatzungszone
– Das Speziallager Mühlberg
– Der Pelzmützentransport
– Die Geschichte der Inhaftierung und Verschleppung des Meeraner Bürgers Werner Keller
– Gedenken und Erinnern

Foto oben: Gedenkstätte im ehemaligen Speziallager Mühlberg.
Quelle: Chronik der Initiativgruppe Lager Mühlberg


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