Aktuelles (01.10.2015)

 

Schmökern in der Zelle?

So einfach kann Lesen sein

Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite und während ich bei angenehmen Temperaturen den beiden beherzten Damen mit der Kamera im Anschlag hinterher trabe, erzählen sie mir so manche interessante Geschichte. Dann plötzlich verlangsamen sich ihre Schritte und wir bleiben vor einem kleinen Häuschen – zirka eineinhalbmal höher als wir selbst – stehen und öffnen die mit grauem Metall eingefasste Glastür.
Auf dem ersten Blick könnte man denken, es handele sich um eine von der Telekom vergessene Telefonzelle – und der zweite Blick bestätigt dies. Es IST tatsächlich eine Telefonzelle mit einer kleinen aber feinen Besonderheit: Hier kann man nicht mehr „nach Hause telefonieren“ sondern in aller Ruhe lesen.

Die Rede ist von einer umfunktionierten Telefonzelle auf dem Wunderlich-Platz hinter der Skulptur „Meeraner Schotten“ und die beiden Damen sind Mitarbeiterinnen der Stadtbibliothek, welche sich um den Erhalt des „Bücherschrankes“ kümmern. Federführend ist dabei Bibliothekschefin Angelika Albrecht, welche tatkräftig von Petra Miesel unterstützt wird. Sie bestückt, sortiert, räumt um und bewacht den öffentlichen Bücherschrank und freut sich, dass dieser bisher noch keiner Sachbeschädigung zum Opfer gefallen ist. „Ein wenig Bedenken hatten wir schon als die Umsetzung des Projektes näher rückte“, betont sie, „doch die angrenzenden Geschäfte achten auch sehr darauf, dass alles ordentlich bleibt.“
Und so steht einem ungetrübten Bücher- und Lesespaß auch außerhalb der Öffnungszeiten der Bibliothek nichts im Wege.
Wie sie mir berichten, kann man auf den verschiedenen Regalen thematisch geordnet nach der passenden Lektüre suchen. Ganz unten findet man Kinderbücher, darüber drei Fächer mit Belletristik und ganz oben Fachliteratur der unterschiedlichsten Genres. „Die Erstbestückung erfolgte aus dem Bestand der Bibliothek“, erklärt mir Angelika Albrecht „so wanderten alle doppelten Exemplare in den Bücherschrank und da wir auch von den Bürgern unserer Stadt Schenkungen erhalten, haben wir diese passend dazu sortiert.“ Mittlerweile ist es so, dass viele vorbei kommen sich ein Buch holen und dafür ein anderes zurück lassen. „Ich muss das Buch also nicht zwingend zurück geben?“, möchte ich wissen. „Ja, das ist ja quasi das Besondere daran, man muss die Bücher nicht mehr zurückbringen und man kann auch ganz einfach, eigene Werke hier gern zur Verfügung stellen“, zeigt sich Angelika Albrecht erfreut.
Damit der öffentliche Bücherschrank allerdings nicht als Papierablagestelle missbraucht wird, achtet Petra Miesel sorgfältig auf den Inhalt. „Ich sortiere zu alte Fachliteratur, DDR-Literatur oder gar Propagandalektüre umgehend aus“, berichtet sie, „denn für uns ist es wichtig, das die Leseratten und Bücherwürmer auch hier angenehm und gern auf ihre Kosten kommen.“

Wer also gern einen Bücherbeitrag leisten möchte, kann dies zu jeder Tages- und Nachtzeit tun. Angelika Albrecht und Petra Miesel sind sich auf jeden Fall darin einig, dass es keine zerfledderten Bücher sein sollten und auch keine Schmökerromane. „Wir wollen das Niveau hoch halten.“
Denn auch wenn man keine genauen Zählungen durchführen kann, so kommen mindestens um die zehn Leute pro Tag, um etwas zu holen oder zu bringen. „Gerade die Urlaubszeit wird stark genutzt, um sich mal eben schnell noch für die Reise ein Buch mitzunehmen“, weiß die Bibliothekschefin aus Gesprächen.

„Ist die Telefonzelle dann nicht auch ein stückweit Konkurrenz zur eigentlichen Bibliothek?“, frage ich zum Schluss, denn sie enthält wirklich jede Menge Bücher. Darauf gibt es ein klares „Nein“ von den beiden Damen zu hören. „Der öffentliche Bücherschrank ergänzt wunderbar unser Angebot und hat den Vorteil, rund um die Uhr geöffnet zu sein, dennoch stehen dem die rund 32.000 Medien der Stadtbibliothek gegenüber.“

Schmökern in einer Zelle ist in Meerane also möglich. Viel Spaß dabei!


Petra Miesel schaut regelmäßig in den öffentlichen Bücherschrank und sortiert die Lektüre. Bibliothekschefin Angelika Albrecht freut sich über diese Möglichkeit der Buchausleihe.

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