Aktuelles (08.05.2015)

 

Ein gut angewendetes Leben ist lang.
Leonardo da Vinci

Worte zum Tode von Herrn Dr. Hansjoachim Schönherr
Bürgermeister Prof. Dr. Lothar Ungerer

Am 14. Mai 2011 eröffneten wir im Kunsthaus am Markt die Ausstellung zu den in Meerane geborenen Künstlerpersönlichkeiten Werner Bochmann (1900–1993), Erich Knauf (1895–1944) und Robert Arthur Schönherr alias Ralph Arthur Roberts (1884–1940).

Am 27. April 1990 schrieb unser Meeraner Schriftsteller Wolfgang Eckert in einem Gedenkwort für den 1944 ermordeten Erich Knauf: „Auch in Meerane sind Menschen geboren, die – zugegeben, erst als sie die Stadt verlassen hatten – Persönlichkeiten wurden.“ Bochmann, Knauf, Roberts: Ihr Wirkungsort war das Berlin der 1920er bis 1940er Jahre. Sie verkörpern Persönlichkeiten mit großer Kraft und Kreativität. Die Ausstellung im Kunsthaus wirkt als Gedächtnis unserer Stadt, um die Erinnerung zu ermöglichen und das Vergangene im Hier-und-Jetzt zu aktualisieren.

Wenn ich nun heute die Erinnerung an den Komponisten, Texter, Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Theatermann Robert Arthur Schönherr alias Ralph Arthur Roberts in den Mittelpunkt stelle, dann hat dies mit seinem Neffen, Herrn Dr. Hansjoachim Schönherr zu tun. Es erreichte uns in diesen Tagen die traurige Nachricht, dass Herr Dr. Hansjoachim Schönherr Ende April verstarb. Herr Dr. Schönherr hat die Erinnerung an seinen künstlerischen Onkel nicht nur wach gehalten, sondern dessen künstlerisches Arbeiten gewürdigt. Sichtbarer Ausdruck ist die von ihm verfasste Biographie „Ralph Arthur Roberts. Lebensbild eines großen Schauspielers.“ (1992, Olms Verlag), die ihn auch zu Lesungen nach Meerane führte.
Ralph Arthur Roberts, kurz RAR, wie ihn Dr. Schönherr nannte, wurde am 2.10.1884 in der Friedrichsstraße 10 geboren. Seine künstlerischen Stationen waren Wiesbaden, Breslau, Hamburg und Berlin.

Sein Name ist in Berlin mit dem Theater in der Behrenstraße bis zum heutigen Tag verknüpft. Ein Theater in der Behrenstraße existierte seit dem 18. Jahrhundert und war eines der ersten bürgerlichen Theater Berlins, das bis zum heutigen Tag besteht. 1928 eröffnete RAR dazu eine eigene Boulevardbühne. Er war Eigentümer, Direktor, Schauspieler und oft auch Regisseur seiner selbst verfassten Stücke. RAR leitete das Theater bis zu seinem Tod am 12. März 1940 an den Folgen einer Austernvergiftung.
Sein Name ist aber auch mit der heimlichen Hymne der Hansestadt Hamburg „Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins“ verknüpft. RAR komponierte und textete das Lied während seiner Zeit in Hamburg. Berühmt wurde es durch die Interpretation von Hans Albers in Helmut Käutners Film „Große Freiheit Nr.7“. Da der Film 1943 produziert, 1944 zensiert und nicht gezeigt werden durfte und erst nach Ende der Nazi-Diktatur in die Kinos kam, konnte RAR durch seinen frühen Tod den großen Erfolg seines Liedes nicht erleben.

Herr Dr. Schönherr konnte mit seinen persönlichen Bezügen zu RAR dessen Wirken sehr tief beleuchten. Er kannte nicht nur die Umstände wie z. B. Text und Melodie „Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins“ entstand, sondern konnte sie auch künstlerisch sehr gut einordnen. Es ist ihm mit seinem Wirken gelungen, RAR präsent zu halten. Dr. Schönherr hatte über viele Jahre hindurch sehr engen Kontakt zu Wolfgang Eckert, der ihn mit seinen Worten würdigt:
Dr. Hansjoachim Schönherr wurde am 8. August 1922 in Dresden geboren. Er besuchte das Realgymnasium in Radebeul, studierte anschließend an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Jura, promovierte, wurde im II. Weltkrieg schwer verwundet, musste dadurch seine Absicht, ebenfalls wie sein Onkel, Schauspieler zu werden, aufgeben und war dann bis zu seiner Invalidisierung wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bergakademie Freiberg.
Dr. Schönherrs Frau verstarb nur wenige Wochen vor ihm. Er wollte ohne sie nicht mehr weiterleben, und fand so schließlich die Erfüllung seines Lebens. Er war der Stadt Meerane sehr zugetan, hielt hier mehrere Vorträge über seinen berühmten Onkel und blieb Meerane bis zuletzt sehr verbunden. Er war ein Freund von mir seit DDR-Zeiten, und so kann ich von ihm sagen: Er war ein aufrichtiger, bescheidener und stets gütiger Mensch. Etwas Besseres lässt sich über einen Menschen nicht sagen.  

Die Stadt Meerane wird Herrn Dr. Hansjoachim Schönherr stets ehrend in Erinnerung halten. Die Ausstellung zu RAR im Kunsthaus ist auch ein Stück von ihm. Dafür danken wir ihm von Herzen. In meiner Wahrnehmung vereinte er in recht einzigartiger Weise den Typus eines intellektuell geprägten Menschen, der engagiert den Geist von Freiheit und Verantwortung atmete und sich in sehr persönlicher Weise für die Kunst, die sein Onkel repräsentierte, einsetzte.

Die Stadt Meerane trauert um einen Freund der Stadt, der uns stets verbunden war.

Porträt des Künstlers Ralph Arthur Roberts. Schenkung der RAR-Biographie an die Stadt Meerane - Dr. Schönherr, Bürgermeister Professor Dr. Ungerer.
 
 
 
Foto oben: Dr. Hansjoachim Schönherr bei einer seiner Lesungen im Kunsthaus Meerane.

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