Geleitwort zum 9. November 2014

 

1918-1938-1989: Der 9. November in der deutschen Geschichte

Geleitwort zum 9. November 2014
von Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer

Wir feiern am 9.11. ein Jubiläum, das auch 25 Jahre nach dem Ereignis immer noch ein Grund zur Freude ist. Mit dem Fall der Mauer am 9.11.1989 endete die DDR. In Momenten des Rückblicks lohnt stets das Innehalten und das Nachdenken über die Welt und das Glück der heutigen Deutschen, in einem stabilen, demokratischen Land zu leben.

Mit Blick auf die aktuellen Krisen und Kriege in der Welt ist dies keine Selbstverständlichkeit. Auch mit Blick auf die deutsche Geschichte ist dies keine Selbstverständlichkeit.

1918: Das Jahr 1914 steht für den Beginn des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren. Vier Jahre später überschlugen sich im Herbst 1918 im Deutschen Kaiserreich die Ereignisse. Angesichts der bereits feststehenden Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg wurde der Ruf nach Frieden und der Abdankung des Kaisers lauter. Es kam zu einer Revolutionsbewegung. Am 9.11.1918 erfasste die Revolution auch Berlin, wo Reichskanzler Prinz Maximilian von Baden die Abdankung des Kaisers bekannt gab. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Philipp Scheidemann rief daraufhin von einem Balkon des Berliner Reichstags die erste deutsche Republik aus und besiegelte damit das Ende der Monarchie. Doch die junge Republik hatte es von Anfang an schwer: Ihr fehlte es an Rückhalt in der Bevölkerung, an Geschlossenheit und Unterstützung durch die exekutive Gewalt. Massenarbeitslosigkeit, Kriegsschäden und Reparationsforderungen aus dem Ersten Weltkrieg stellten die Weimarer Demokratie vor eine Zerreißprobe. Europaweit erlangten antidemokratische Strömungen Aufwind und lieferten den Nährboden für den aufkommenden Nationalsozialismus.

1938: Der 9.11.1938 steht für die Reichspogromnacht inmitten der nationalsozialistischen Diktatur. Mit der Kanzlerschaft Adolf Hitlers im Januar 1933 wurde erstmals in der Geschichte Rassismus und Antisemitismus zum Regierungsprogramm erhoben. Bringt man es auf eine einfache Formel, beruhte die Vorstellung Hitlers und seiner Nationalsozialisten darauf, dass Menschen unterschiedlich viel wert seien. Bestimmte Menschen und Menschengruppen wurden als „minderwertig“ eingestuft, verfolgt und ermordet, dazu zählten auch die Menschen jüdischen Glaubens und Abstammung.
Einen entscheidenden Einschnitt in der Judenverfolgung bildete die „Reichskristallnacht“ am 9./10. November 1938. Vorwand für diesen staatlich organisierten Pogrom gegen die Juden in Deutschland vor 76 Jahren bildete das Attentat eines jungen Juden auf einen deutschen Botschaftsangehörigen in Paris. Auf höhere Weisung (Hitler, Goebbels) zogen Truppen vor allem der SA zu Synagogen und Geschäften von Juden, zündeten sie an und zerstörten sie. Tausende von Juden wurden aus ihren Wohnungen getrieben und misshandelt. 27.000 jüdische Männer wurden noch während der „Kristallnacht“ in Konzentrationslager gesperrt. Auch Männer unserer Stadt.

1989: Unter dem Druck der Ausreise von DDR-Bürgern über Ungarn und der Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen ostdeutschen Städten zerfiel das SED-Regime in der DDR. Nachdem SED-Politbüromitglied Günter Schabowski  auf einer im DDR-Fernsehen übertragenen Pressekonferenz die Gewährung von Reisefreiheit bekanntgegeben und die Nachfrage nach dem Beginn dieser Regelung um 18:57 Uhr mit „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“ beantwortet hatte, strömten Tausende zu den Grenzübergangsstellen. Gegen 23:30 Uhr konnten am Grenzübergang Bornholmer Straße die Kontrolleure dem Andrang der Menschen nicht mehr standhalten. Die Mauer  wurde geöffnet. Bis Mitternacht waren alle Berliner Grenzübergänge offen. Beginnend mit dem Übergang Bornholmer Straße öffnete sich für die DDR-Bürger die gesamte innerdeutsche Grenze.
Der Weg zur deutschen Einheit am 3.10.1990 war frei. Klar war: Das Ziel einer friedlichen und freien Gesellschaft lässt sich nach unserem Verfassungsverständnis nur bauen auf der Grundlage der Menschenwürde, des gegenseitigen Respekts, der Toleranz und den Werten des Humanismus und der Demokratie, wie sie einer zivilisierten Nation angemessen sind.

Fotonachweis: Berlin, 10.11.1989, Grenzübergang Bornholmer Straße. Quelle: „Lochmann, Hans Peter; Bundesarchiv“

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