Aktuelles (07.10.2014)

 

„PM12 hat ihn kaputt gemacht“

Wenn Ideologie zum Feindbild wird

Wer PM12 hatte, fühlte sich auf Dauer schlecht. Nein, es war keine Krankheit sondern schlicht und einfach ein vorläufiger Ausweis der DDR. Diesen zu besitzen, war ein schlechtes Zeichen, denn man durfte sich nur in einem geringen Radius um den Wohnsitz bewegen, musste Ausflüge in das Umland mindestens zwei Wochen vorher beantragen und hatte sich regelmäßig bei der Polizei zu melden.
Gemäß der sozialistischen Ideologie bekamen PM12 nur Personen, die „politisch nicht tragbar“ waren und „asoziales Verhalten aufwiesen“, d.h. eine andere Meinung hatten, als die damals als „politisch korrekt“ geltende. So auch die reale Hauptfigur Peter in dem Buch „Falkenflug – Eine verlorene Jugend in der DDR“, welches Autorin Gisela Rein verfasste und damit die Geschichte ihres eigenen Sohnes veröffentlichte.
Sie war mit ihrem Mann Claus Irmscher zur Lesung am 1. Oktober 2014 in die Stadtbibliothek Meerane gekommen, um zusammen mit Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer und Holm-Henning Freier, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), Außenstelle Chemnitz, die Ausstellung „Überwachen. Verängstigen. Verfolgen. Die Stasi – Die Geheimpolizei der DDR“ zu eröffnen. Gekommen waren viele Interessierte, teils selbst Betroffene und auch Jugendliche, welche diese Zeit der Schikane nie miterlebt hatten. Und sie konnten einer spannenden und zugleich erschütternden Geschichte lauschen.

Gisela Rein schilderte Begebenheiten aus dem Leben ihres Sohnes, wie er gut behütet, von zwei staatstreuen Eltern großgezogen wurde, die Sportschule der DDR besuchte und auch auf gute Leistungen verweisen konnte, wären da nicht die Verwandten im Westen gewesen und Spitzel – in der eigenen Familie – im Osten. So waren gewisse Entwicklungen mit einem heranwachsenden nach Freiheit strebenden Jugendlichen bereits vorprogrammiert – und PM12 ließ nicht lange auf sich warten. Doch je enger der Bewegungsradius um den jungen DDR-Bürger gesteckt wurde, um so größer wurde der Druck „aus allem auszubrechen“. In einer hoch emotionalen Schilderung geht das Buch „Falkenflug“ auf die dramatischen Entwicklungen ein und zeigt deutlich, dass Ideologie auch zum Feindbild werden kann.

Im Anschluss an die Lesung herrschte zunächst betroffene Stille, welche dann durch Applaus für diese biografischen Schilderungen unterbrochen wurde und so mancher Zuhörer noch Fragen loswerden wollte. So erfuhr der Fragesteller, dass Gisela Rein starke Nerven benötigte, um die 600 Seiten zählende Stasiakte zu lesen: „Meine Vermutungen, die ich damals schon hatte, wurden bestätigt und gleich die ersten Seiten entwickelten in mir solch eine Wut, dass ich die Kraft hatte, jede einzelne Seite auch gründlich zu lesen“, berichtete sie.
Auch, das ihr Sohn Peter von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft wurde, brachte nur Kopfschütteln hervor. „Für 40.000 Westmarkt ging der Handel über die Bühne und die DDR hatte gewissermaßen einen Andersdenkenden weniger, dafür aber einige Devisen mehr und je wichtiger die Person für die DDR-Regierung war, um so höher der Preis“, weiß sie aus eigener Erfahrung zu berichten. So seien schätzungsweise über 34.000 Ostdeutsche freigekauft worden, um den Finanzhaushalt aufzubessern.
Im Nachhinein, blickt sie nachdenklich zurück und meint: „Mir sind erst die Augen durch meinen Sohn geöffnet worden, dass mit diesem System etwas nicht stimmte“. Und hat zum Abschluss der Veranstaltung aufmunternde Worte für die jetzt heranwachsenden jungen Leute übrig: „Ihr jungen Leute habt heute andere Probleme als damals, aber sie sind oft auch nicht einfach“.

Dann hatten die Besucher die Möglichkeit die Zeitdokumente auf der Ausstellungsfläche in Augenschein zu nehmen, sich in Wort und Bild über weitere DDR-Jugendschicksale zu informieren und wie Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer abschließend betont, sich gerade im Oktober, mit dem Thema „25 Jahre friedliche Revolution“ besonders auseinanderzusetzen.

Die Ausstellung kann noch bis 15. November in den Räumlichkeiten der Stadtbibliothek, August-Bebel-Straße 49 besucht werden.

Öffnungszeiten der Stadtbibliothek,
Montag 10.00–16.00 Uhr,
Dienstag/
Donnerstag 10.00–18.00 Uhr,
Freitag/Samstag 10.00–12.00 Uhr.

Anschaulich sind die Infotafeln in den Ausstellungsräumen der Stadtbibliothek. Sie geben Enblicke zum Thema.

Viele Gäste waren in die Stadtbibliothek Meerane gekommen, um den Eröffnungsworten von Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer zur Ausstellung zu lauschen.
Gisela Rein (li.) las aus ihrem Buch „Falkenflug“ und wurde von Ehemann Claus Irmscher unterstützt. Vor der Eröffnung fand bereits eine Lesung vor Schülern statt, welche vom "Friedrich-Bödecker-Kreis im Freistaat Sachsen" e.V. gefördert wurde.

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