Aktuelles (02.05.2014)

 

70. Todestag von Erich Knauf

Anlässlich des 70. Todestages von Erich Knauf veröffentlichen wir einen Aufsatz „Mord in sieben Sekunden“ des Meeraner Schriftstellers Wolfgang Eckert.
Von ihm erschien 1998 im Chemnitzer Verlag die Biographie „Heimat, deine Sterne. Leben und Sterben des Erich Knauf".


Wolfgang Eckert »Mord in sieben Sekunden«

Vor 70 Jahren, am 2. Mai 1944, wurde Erich Knauf in Brandenburg-Görden durch das Fallbeil hingerichtet. Wer ist Erich Knauf? Die Antwort ist schnell gegeben: ein Vergessener. Wer war Erich Knauf? Da lässt sich schon mehr dazu sagen. Er wurde am 21. Februar 1895 im sächsischen Meerane geboren. Zumindest seine Geburtsstadt hat ihn nicht vergessen. Im Kunsthaus gibt es eine Dauerausstellung zu seinem Leben und Werk. Früh ging er mit seinen Eltern, der Vater war ein führender Sozialdemokrat, nach Straßburg und später nach Gera, wo er den Beruf eines Schriftsetzers erlernte und 1920 bis 1922 die Leitung des Presseamtes der thüringischen Landesregierung erhielt. In dieser Zeit begann er Künstlerporträts und Theaterrezensionen zu schreiben. Zuvor, im Ersten Weltkrieg, geriet er durch sein aufsässiges Verhalten in eine Strafkompanie, und als Stoßtruppführer nahm er in Gera am Kampf gegen Kapp teil. Aus Enttäuschung über die indifferente Haltung der SPD nach dem Kapp-Putsch trat er der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) bei. Von 1922 bis 1928 ging Knauf als Feuilletonredakteur an die Plauener Volkszeitung für das Vogtland. Dort wurde er bald Förderer und Freund des Karikaturisten Erich Ohser, der später unter dem Pseudonym e. o. plauen unter anderem mit seiner Serie »Vater und Sohn« bekannt wurde. Durch Ohser entstand auch die Freundschaft Knaufs mit Erich Kästner.
Bis zum Machtantritt der Nazis 1933 war Knauf dann in Berlin Schriftleiter der Büchergilde Gutenberg und schied freiwillig dort aus. In dieser Zeit entstanden der Reportageroman über den Kapp-Putsch »Ca ira!«, ein Buch über den französischen Karikaturisten Daumier und »Empörung und Gestaltung«, Künstlerporträts. Postum erschien der Gedichtband »Das Traumboot« mit Illustrationen von Albert Schäfer-Ast. In Knaufs Nachlass gibt es ein unveröffentlichtes Manuskript »Der unbekannte Zille«.
Knauf gehörte zu den scharfsinnigsten Beobachtern politischer Zustände seiner Zeit und war ein ausgezeichneter Kunstkenner. Mit seiner Beurteilung gesellschaftskritischer Kunst war er zugleich auch ihr Förderer.
Nach seinem Weggang von der Büchergilde versuchte sich Knauf durch Tagesarbeit am Leben zu erhalten. Er schrieb Werbetexte, veröffentlichte kleine Arbeiten in der Berliner Illustrirten oder im 8-Uhr-Abendblatt . Mit der Kritik einer »Carmen«-Aufführung in der Deutschen Staatsoper zog er sich den Zorn Görings zu. Die Folge waren einige Wochen »Schutzhaft« im KZ Oranienburg und Lichtenburg. Knauf wurde aus dem Reichsverband der Deutschen Presse ausgeschlossen, erhielt aber 1936 eine Stelle als Pressechef bei der Filmgesellschaft »Terra«. Dort lernte er den ebenfalls in Meerane geborenen Komponisten Werner Bochmann kennen und begann Liedtexte zu dessen Filmmelodien zu schreiben. So entstanden unter anderem Texte zu Liedern wie »Glocken der Heimat« und »Heimat, deine Sterne«, welche von den Nazis zu Fronthits gemacht wurden. Bei »Glocken der Heimat« unterlag Knauf einer verlogenen Landserromantik. Aber beide Texte haben ihm nicht das Leben gerettet.
1944 wohnte er mit dem in Berlin wiedergetroffenen Erich Ohser in Kaulsdorf zusammen mit dem Hauptmann im Oberkommando der Deutschen Wehrmacht Bruno Schultz, welcher die Zeitschrift Das Neue Deutsche Lichtbild herausgab. Knauf und Ohser erzählten oft politische Witze und äußerten sich zur gegenwärtigen Lage. So nannten sie Hitler einen Idiot und einen ewigen Gefreiten, die SS die größten Strolche und waren der Meinung, dass der Krieg verloren sei. Schultz gab diese Äußerungen weiter. Und so gerieten Knauf und Ohser in die Hände der Gestapo, schließlich vor Freislers Gerichtshof und wurden wegen defätistischer Äußerungen zum Tode verurteilt. Ohser erhängte sich in der Nacht vor der Hauptverhandlung in seiner Zelle. Knauf wurde nach vier Wochen Aufenthalt und einem vergeblichen Gnadengesuch an Hitler in Brandenburg-Görden enthauptet, seine Asche irgendwo verstreut. Freisler sagte in seinem Schlusswort: »Weil Knauf schuldig ist, muss er auch die Kosten tragen.« So erhielt Knaufs Frau Erna eine Rechnung, die Erich Kästner nach dem Krieg zu dem Artikel »Eine unbezahlte Rechnung« veranlasste, in welchem er schrieb, dass wir jetzt einen wie Knauf brauchen könnten wie das liebe Brot. Und er stellte auch die Frage, wie es denn heute dem Herrn Hauptmann Schultz ergehe? Ob er das letzte Kriegsjahr gut überstanden habe? Was er noch nicht wissen konnte: Schultz starb in russischer Kriegsgefangenschaft eines gnädigen Todes: an Typhus.

Kostenrechnung in der Strafsache gegen Erich Knauf:
Gebühr für die Todesstrafe 300,00 RM
Postgebühren 1,84 RM
Gebühr für den Pflichtverteidiger 81,60 RM
Für die Strafhaft vom 6.4.44 bis 2.5.44 44,00 RM
Kosten der Strafvollstreckung 158,18 RM
Porto für die Übersendung der Kostenrechnung -,12 RM
Zusammen: 585,74 RM

Das ist die Schlussrechnung über die Beseitigung eines Menschenlebens. Sogar die Briefmarke musste noch bezahlt werden. Was blieb, war in den Zuchthausakten die nüchterne Berichterstattung von Knaufs letzten Sekunden: »Um 15:45 Uhr wurde der Verurteilte, die Hände auf dem Rücken gefesselt, durch zwei Gefängnisbeamte vorgeführt. Nach Feststellung der Personalgleichheit des Vorgeführten beauftragte der Vollstreckungsleiter den Scharfrichter Röttger mit der Vollstreckung. Der Verurteilte, der ruhig und gefasst war, ließ sich ohne Widerstreben auf das Fallbeilgerät legen, worauf der Scharfrichter die Enthauptung mit dem Fallbeil ausführte und sodann meldete, dass das Urteil vollstreckt sei. Die Vollstreckung dauerte von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung sieben Sekunden.«
Wer hat da noch auf die Stoppuhr gedrückt? Und wozu!
In Knaufs Nachlass findet sich der Text zu einem Liedentwurf. »Ich bin so gerne auf der Welt:/ Seid ihr es etwa nicht?/ Wem es im Schatten nicht gefällt,/ Der komme mit ins Licht./ Ich finde alles wundervoll,/ Was heißt hier >Jammertal<?/ Wenn ich es ehrlich sagen soll:/ Ich käm gern noch einmal/ Auf diese Welt. Sehr gern sogar!/ Und zwar genau so wie ich war.« Das ist es vielleicht, was wir Hoffnung nennen: Nicht an die Vergänglichkeit des Guten zu glauben.

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