Aktuelles (18.11.2013)

 

Volkstrauertag 2013

Die Gedenkstunde der Stadt Meerane zum Volkstrauertag 2013 fand am 17. November 2013 am Ehrenmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges auf dem Meeraner Friedhof statt. Sie wurde gestaltet durch die Stadt Meerane, die Reservistenkameradschaft des Reservistenverbandes der Landesgruppe Sachsen, die Katholische Kirche St. Marien Meerane und den Posaunenchor Meerane.
Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer begrüßte die Gäste, darunter Meeraner Stadträte, und dankte Pfarrer Clemens Baumert von der Katholischen Kirche St. Marien, den Mitgliedern der Reservistenkameradschaft und den Mitgliedern des Posaunenchores.
Nach der Ansprache des Bürgermeisters richtete Pfarrer Clemens Baumert das Wort an die Anwesenden. Er betonte unter anderem die Aufgabe und Verantwortung der Nachgeborenen, damit solch schreckliche Ereignisse wie die beiden Weltkriege nie wieder passieren. Der Volkstrauertag ist ein Tag der Erinnerung und der Besinnung, so der Pfarrer. Bei allen Zahlen, die genannt werden, dürfe man nie vergessen, dass hinter jeder Zahl ein Mensch, ein Menschenschicksal steht, dessen Leben abrupt beendet wurde.
Aus den Reihen der Reservistenkameradschaft sprach Andreas Schmidt zu den Gästen. Zum Volkstrauertag werden der Opfer der beiden Weltkriege, aber auch der Gefallenen der Bundeswehr gedacht, die im Einsatz für den Frieden getötet wurden. Traditionen wie der Gedenktag sind wichtig und aktuell, auch in unserer schnelllebigen und globalisierten Welt, sagte er: "Denn das ist unsere Geschichte, die uns Wegweiser für die Zukunft sein soll. Uns Lebenden heute können die Soldaten, die getötet wurden, nicht egal sein!" Die demokratische Form des Zusammenlebens hat sich als beste Voraussetzung für Frieden erwiesen. Deshalb sind heute Soldaten der Bundeswehr und Mitarbeiter von Organisationen im Auftrag des Parlamentes im Friedenseinsatz in den Krisenherden der Welt, um die Menschenrechte zu wahren, um Frieden herzustellen, um Frieden zu sichern. Diese Soldaten und Mitarbeiter erleben Tod und Verwundung. Andreas Schmidt: "Die Toten und Verwundeten mahnen uns, sorgsam mit der Geschichte umzugehen und die richtigen Entscheidungen aus der Geschichte zu ziehen."

Lesen Sie im Folgenden die Ansprache von Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer am Ehrenmal der Stadt Meerane für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges:

Professor Dr. Lothar Ungerer, Bürgermeister Stadt Meerane

Meine Ansprache zum Volkstrauertag 2013 wird durch Gedanken des ersten deutschen Bundespräsidenten, Theodor Heuss (1949-1959) getragen:

„Sorgt ihr, die ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibe.
Friede zwischen den Menschen, Friede zwischen den Völkern.“

Wir denken heute
an die Opfer von Gewalt und Krieg,
an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken
der Soldaten, die in den Weltkriegen starben,
der Menschen, die durch Kriegshand­lungen oder
danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und
Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer,
die verfolgt und getötet wurden,
weil sie einem anderen Volk angehörten,
einer anderen Rasse zugerechnet wurden,
Teil einer Minderheit waren oder deren Leben
wegen einer Krankheit oder Behinderung
als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer,
die ums Leben kamen, weil sie Widerstand
gegen Gewaltherrschaft geleistet haben,
und derer, die den Tod fanden, weil sie an
ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern
um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,
um die Opfer von Terrorismus und
politischer Verfolgung,
um die Bundeswehrsoldaten und
anderen Einsatzkräfte,
die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer,
die bei uns durch Hass und Gewalt gegen
Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit allen,
die Leid tragen um die Toten und
teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der
Hoffnung auf Versöhnung unter den
Menschen und Völkern,
und unsere Verantwortung gilt dem
Frieden unter den Menschen zu Hause
und in der ganzen Welt.

Der heutige Volkstrauertag hat mit Erinnerung zu tun, dem Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Das Gedenken ist eine zutiefst emotionale Angelegenheit – Mitgefühl ist gefragt.
Mitgefühl entsteht, wenn wir uns das Leid der Menschen vor Augen halten, die während der Kampfhandlungen um ihr Leben fürchteten, die getötet wurden, die in Kriegsgefangenschaft, in Konzentrationslagern oder Ghettos ermordet wurden, die auf der Flucht, in den Bombennächten oder im Exil ums Leben kamen.
Es ist durchaus angebracht, die Botschaft des Volkstrauertages auf den Appell an diese innere Haltung zu konzentrieren. Wer mitfühlen kann, ist ein friedfertiger Mensch.
Im März 1922 forderte bei der ersten Gedenkstunde zum Volkstrauertag Reichstagspräsident Paul Löbe in seiner Ansprache dazu auf, die Toten zu ehren und bezog ausdrücklich die Toten der anderen am Ersten Weltkrieg beteiligten Völker mit ein. Bis heute entwickelte sich der Volkstrauertag zum gemeinsamen Totengedenken für alle Opfer von Krieg und Gewalt als Kern unseres kulturellen Gedächtnisses.

Blicken wir zunächst 70 Jahre zurück, in das Kriegsjahr 1943. Herausgreifen möchte ich ….
…. den 10. Januar 1943: Sieben sowjetische Armeen greifen mit 1.000.000 Soldaten in einer groß angelegten Gegenoffensive die deutschen Truppen in Stalingrad an. Die 6. Armee war inzwischen in zwei Kessel aufgespalten worden.

…. den 2. Februar 1943: Kapitulation der 6. Armee: 146.000 deutsche Soldaten sind gefallen; 100.000 Soldaten geraten in Gefangenschaft – nur 6.000 von ihnen kehren nach 1945 zurück.

…. den 18. Februar 1943: Angesichts der "Gefahr aus dem Osten" appelliert Reichspropagandaminister Joseph Goebbels an diesem Tag im Sportpalast in Berlin an die Opferbereitschaft der deutschen Bevölkerung und fragt: "Wollt ihr den totalen Krieg?"

…. den 19. April 1943: Aufstand im Warschauer Ghetto. Die verbliebenen Ghettobewohner sollen in Vernichtungslager deportiert werden, die meisten nach Treblinka. Die Jüdische Kampforganisation wehrt sich dagegen in einem mehrere Wochen dauernden Aufstand. Der Aufstand wird bis zum 16. Mai von der SS blutig niedergeschlagen. Es erfolgt die Deportation.

…. den 18. November 1943: Die Briten beginnen mit ihren Bomben-Großangriffen auf Berlin. Der Krieg kehrt nach Deutschland zurück.

Verbleiben wir bei den Soldaten in Stalingrad. Das Weihnachtsfest 1942 war noch für viele Eingeschlossene in Stalingrad ein Ziel gewesen, das ihnen eine trügerische Hoffnung auf etwas Ruhe, Frieden und eine Ahnung von Glück verhieß.
Danach begann die Apokalypse.
Die Zahl der Hungertoten stieg dramatisch, während sich die Versorgungsflüge verringerten.
Für viele Soldaten der Wehrmacht war Weihnachten auch der letzte Tag, an dem ihnen Post aus der Heimat zuging. Danach kamen zwar auch hin und wieder Postsäcke durch, zuletzt wohl am 18. Januar 1943. Auch konnten Briefe auf dem offiziellen Wege oder als Beigabe an Ausfliegende den Weg aus dem Kessel finden. Aber die letzten schriftlichen Zeugnisse aus Stalingrad sind ein beklemmendes Vermächtnis.

"Meine lieben Eltern, wenn es geht, schickt mir Lebensmittel. So ungern ich es schreibe, aber der Hunger ist groß. Von 380 Mann, die so stolz ausrückten, sind noch etwa 100 Gestelle aus Haut und Knochen vorhanden. Wir Überlebende können kaum noch laufen vor Hunger und Schwäche. Wenn das so weiter geht, werden wir alle verhungern. Wir sind alle soweit, dass sie mit uns machen können, was sie wollen. Unsere Stimmung ist auf den Nullpunkt gesunken."

Viele Briefe waren ausgesprochene Abschiedsbriefe.

"Ich grüße und verabschiede mich von Euch Lieben; denn diese Karte wird Euch erreichen, wenn sich mein Schicksal in der Stadt Stalingrad vollendet hat."

"Wenn diese Zeilen zu Hause sind, so ist Euer Sohn nicht mehr da, ich meine auf dieser Welt. Gefasst und stolz werde ich kämpfen und für Dich, den Jungen und unser Vaterland sterben."

„Ich muss Dir ganz ehrlich sagen, mir wäre das Liebste ein schnelles und rasches Ende, als ein langsames, sicheres Dahinsiechen."

"Es ist möglich, dass dies mein letztes Schreiben ist. Wir sind seit 54 Tagen eingeschlossen und werden nun angegriffen, dass wir uns kaum noch wehren können."

Tatsächlich gingen zahlreiche Soldaten in den Freitod oder suchten den Tod, indem sie sich aus der Deckung vor die russischen Linien stellten

Stalingrad steht für eine entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg. An dessen Ende standen 55 Millionen Tote, Ruinen, Massenmord, Schutt und Asche in Europa und darüber hinaus.

Ich zitiere aus den Erinnerungen der polnischen Jüdin Sofia Kann, die ins KZ Ravensbrück verschleppt worden war:
„Dann war der Krieg aus. Wir kehrten heim in unsere zerstörten Städte. Wir sahen die deutschen Kriegsgefangenen. Die Gesichter sehe ich noch heute vor mir. Sie sahen aus wie wir, gezeichnet von Angst und Hunger. Plötzlich spürte ich, dass ich nicht hassen konnte, obwohl ich doch fünf Jahre lang nur Hass gelebt hatte. Aber die schrecklichen Bilder, die zerlumpten und verwundeten Soldaten, die leergebrannten Häuser. Diese Bilder des Krieges lehrten uns: Es gibt am letzten Tag keine Sieger und keine Verlierer. Es gibt nur Menschen. Millionen von Menschen, die mit unsäglichen Leiden und sogar mit dem Tod für den Hass derjenigen bezahlt haben, die sich für Übermenschen hielten.“

Von Erich Kästner stammt der Gedanke:

„Auf den Schlachtfeldern von Verdun wachsen Leichen als Vermächtnis. Täglich sagt der Chor der Toten: Habt ein besseres Gedächtnis.“

 

Der Kern unseres kulturellen Gedächtnisses ist Frieden und Freiheit.
Im Jahr 2013 zählt in Abwandlung des Mottos der Friedensbewegung - „ Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ - der Gedanke: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner nennt es so.“
Zumindest nicht offiziell.
Das lange Zögern, die Situation in Afghanistan als „Krieg“ zu bezeichnen, zeigt eine tiefe Verunsicherung der Öffentlichkeit und der politisch Verantwortlichen. Heute drückt sich dies auch aus im Umgang mit den Toten des Afghanistan-Krieges. Wir werden um die Anerkennung und Benennung der Realitäten indes nicht umhinkommen.
Dazu gehört im Jahr 2013, dass es nun Soldatinnen und Soldaten gibt, die zu einer Generation gehören, die Erfahrung in Gefechten, mit Verwundung und Tod gemacht und ihr Leben im Auftrag der Parlamentsmehrheit eingesetzt haben. Sie kehren zurück in eine Gesellschaft, in der die Bundeswehr als Institution zwar hohes Ansehen genießt, ihr Auftrag zu militärischer Gewaltanwendung aber weiterhin auf Ablehnung stößt.
Im Mai 2013 informierte Bundesverteidigungsminister Dr. Thomas de Maiziere die Öffentlichkeit darüber, dass ein weiterer deutscher Soldat in Afghanistan ums Leben gekommen war. Damit stieg die Zahl der Gefallenen auf 54 Soldatinnen und Soldaten.
Soldatinnen und Soldaten, die in Gefechten kämpften, die Tod und Verwendung erlebten, haben im Einsatz aber Erfahrungen gemacht, die es zuvor in der Bundeswehr in diesem Ausmaß und dieser Qualität nicht gegeben hat.
Einsatzsoldaten kehren in eine Gesellschaft zurück, die von ihrer Situation nur wenig weiß. Viele Soldatinnen und Soldaten haben den Eindruck, dass ihr Dienst in der Gesellschaft keine angemessene Anerkennung und Würdigung finde. Wer in gefährlichen Einsätzen im Auftrag des Parlaments sein Leben riskiert, wünscht sich Rückhalt von der Politik und der Gesellschaft, deren Werte und Interessen ja in den Einsätzen vertreten sind.
Wir Deutsche stellen uns der Verantwortung, aktiv einzutreten für die Achtung vor dem Leben, für freiheitliche Demokratie sowie für die Erhaltung von Sicherheit und Frieden. Wir leisten international Hilfe, wir entsenden Bundeswehrangehörige in Regionen, wo Frieden und Freiheit nicht gesichert sind.
Wenn ich betone, dass wir Deutsche diese Verantwortung annehmen, humanitäre Hilfe leisten, dann verweise ich indirekt auf „nationale Deutsche“, die feige diese Verantwortung nicht wahrnehmen und im Deutschland der Jahre 1933-1945 verhaftet geblieben sind.
Für sie hat die NSDAP eine Vorbildfunktion. Dies untermauert der stellvertretende NPD-Bundesvorsitzende Karl Richter in einem Thesenpapier zur Positionierung der NPD:
„Im Gegensatz zu uns war die NSDAP in Stil, Auftreten und Methoden eine ultramoderne Massenpartei, die es damit konkurrenzlos erfolgreich in die Mitte des Volkes schaffte. Dort müssen wir auch hin!“
Nach dem Vorbild des „Dritten Reiches“ strebt die NPD die Wiederherstellung des deutschen Reiches als „Schutz- und Trutzbündnis des Deutschen Volkes“ an:
„Die Hauptaufgabe der deutschen Nationaldemokratie besteht deshalb in der Wiederherstellung der vollen Handlungsfähigkeit des Deutschen Reiches.“

Es sei wiederholt: Wir entsenden heute deutsche Soldatinnen und Soldaten in Regionen, wo Frieden und Freiheit erst noch durchgesetzt werden müssen. Sie tun dies im Auftrag des Deutschen Bundestages – und damit im Auftrag des deutschen Volkes - unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen. Es ist für mich deshalb selbstverständlich, am heutigen Tag auch Rückhalt für sie einzufordern.

Der Gedenktag 2013 steht in besonderer Verbindung mit dem 70. Todestag der Geschwister Hans und Sophie Scholl. Beide wurden bekannt als Mitglieder der „Weißen Rose“ einer Widerstandsgruppe innerhalb Deutschlands gegen das totalitäre Nationalsozialistische System. Hans und Sophie Scholl wurden am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim im Alter von 24 bzw. 22 Jahren hingerichtet. In Meerane erinnert die Geschwister-Scholl-Straße an die beiden bedeutenden Symbolgestalten eines an humanistischen Werten orientierten Widerstands innerhalb Deutschlands gegen den Krieg und die nationale Diktatur unter Adolf Hitler.

Aus dem letzten Flugblatt der Weißen Rose 1943:
Im Namen der deutschen Jugend fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen, zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen. In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen. (….) Freiheit und Ehre! Zehn Jahre lang haben Hitler und seine Genossen die beiden herrlichen deutschen Wörter bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die die höchsten Werte einer Nation vor die Säue werfen.
(…) Auch dem dümmsten Deutschen hat das furchtbare Blutbad (Stalingrad) die Augen geöffnet, das sie im Namen von Freiheit und Ehre der deutschen Nation in ganz Europa angerichtet haben und täglich anrichten. Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues Europa aufrichtet.

Dieses neue Europa ist heute Realität. Die Idee von damals hat seit 1945 seine Gestaltung gefunden, z. B. in Form des Europarates und in Form der Europäischen Union. Seit mittlerweile 68 Jahren sind die ehemaligen feindlichen Nationen miteinander friedlich verknüpft, sie sind gegeneinander kriegsunfähig, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Polen, Italien, Tschechien …..

Dieses neue friedliche und demokratische Europa lebt mit seinen Menschen die Gedanken von Theodor Heuss:

„Sorgt ihr, die ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibe. Friede zwischen den Menschen, Friede zwischen den Völkern.“

Bürgermeister Professor Dr. Ungerer und Mitglieder der Reservistenkameradschaft legten Kränze am Ehrenmal ab. Der Posaunenchor der Kirchgemeinde St. Martin umrahmte die Gedenkstunde auf dem Meeraner Friedhof.
Pfarrer Clemens Baumert, Katholische Kirche St. Marien Meerane. Andreas Schmidt, Reservistenkameradschaft des Reservistenverbandes der Landesgruppe Sachsen.
Gedenkstunde am Ehrenmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges auf dem Meeraner Friedhof.
   

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