Aktuelles (09.09.2013)

 

"Unbequeme Denkmale" spannend erklärt

„Tag des offenen Denkmals“ lud zur Erkundungstour ein

Am 8. September 2013 stand der bundesweite Denkmaltag unter dem Motto "Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?". Damit sollte in diesem Jahr die zentrale Denkmalpflege, aber auch das bewusste Auseinandersetzen mit altehrwürdigen oder weniger „geliebten“ Gebäuden einer Stadt oder eines Dorfes in den Mittelpunkt gerückt werden.
So erklären die Initiatoren des Denkmaltages den Inhalt folgendermaßen: „Nicht jedes Gebäude kann und muss erhalten werden. Jedoch ist für jede Gesellschaft eine gründliche Auseinandersetzung und bewusste Entscheidung darüber, welche Denkmale wir schützen oder abreißen und aus welchen Gründen, notwendig, um unsere Vergangenheit in all ihrer Schönheit, ihrem Zauber, aber auch ihrer Brutalität und Gewalt für künftige Generationen als unser Erbe sichtbar zu bewahren.“
Auch die Stadt Meerane hat sich dieser Aufgabe gestellt und eben jene Gebäude unter die Lupe genommen, die als "unbequem" gelten mögen. Ist es sonst eher üblich, diese Denkmale für die Öffentlichkeit an diesem Tag zugänglich zu machen und eigenen Interpretationsspielraum zu lassen, wählte man in Meerane den Weg, die Geschichte verschiedener Gebäude und Denkmale hieb- und stichfest zu erklären.
Dazu hatte Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer zu einem hochinteressanten Vortrag mit Diskussionsrunde in die Neobarocke Post eingeladen. Die vielen Gäste, die dieser Einladung gefolgt waren, erfuhren aus erster Hand, warum manche Gebäude scheinbar dem Zahn der Zeit tatenlos ausgesetzt sind, welche Irrungen und Wirrungen hinter und in Denkmalen der Stadt bestehen und wie auch so manches Gesetz die Stadtväter zum Kopfschütteln veranlasst.
So zählen zu den „unbequemen Denkmalen“ viele Bauten, die heute im Allgemeinen aufgrund der politischen und sozialen Umstände ihrer Entstehungs- oder Nutzungszeit – in unterschiedlichem Ausmaß – ein gewisses Unbehagen auslösen. Dazu zählt beispielsweise die derzeit dem Verfall preisgegebene Villa an der Achterbahn 6. „Hier gibt es die nachweislich traurigste Geschichte aus der Zeit des 2. Weltkrieges zu berichten“, erklärte Professor Dr. Ungerer. Dieses Wohnhaus gehörte dem Meeraner Unternehmer Nietzel, welcher noch kurz vor dem Kriegsende von Unbekannten an das mobile russische Exekutionskommando ausgeliefert und hingerichtet wurde und das „nur, weil er ein Unternehmer war“. Über die vielen Jahre danach hatte das Gebäude verschiedene Nutzungszwecke, doch die Besitzverhältnisse und die hohen Kosten, um es zu restaurieren, schreckten bisher viele Interessenten ab. „Wir sind derzeit dran, das Gebäude von außen so zu sichern, dass zumindest der Verfall gestoppt wird“, so der Bürgermeister.
Nicht unerwähnt ließ er in seinen Ausführungen das Eckgebäude in der Rosa-Luxemburg-Straße/Leipziger Straße, welches derzeit als Wohnheim für chinesische und vietnamesische Gymnasiasten dient. Auch die ehemalige Wertheim-Villa in der Crotenlaider Straße und das „Südafrikahaus“ – besser bekannt als ehemaliger Sitz der Stadtverwaltung Meerane – nahm Professor Dr. Ungerer unter die Lupe und ging auf interessante Nutzungs- und Werterhaltungsdetails ein.
„Natürlich gibt es in einer Stadt immer Gebäude oder Denkmale, die 'unbequem' sind und Bauchschmerzen verursachen, weil man aus rechtlicher Sicht nicht vorwärts kommt“, verriet er und fügte hinzu, dass es auch tatsächlich Gebäude gebe, wo keine Akten vorhanden sind, „weil zu DDR-Zeiten das Militär die Strippen zog und die Bevölkerung keine Informationen bekam“. Bestes Beispiel dafür sei das Gebäude der ehemaligen Technischen Textilien. „Hier kümmerte sich nicht die Kommune, sondern direkt der Staat um die baurelevanten Details, weil hier militärische Stoffe produziert wurden und daher oberste Geheimhaltung galt“.
Zu seinem weiteren virtuellen Rundgang durch "unbequeme Denkmale" gehörte die ehemalige Kalkbrennerei in der Crotenlaide, die Stadthalle, das Eckgebäude Moritz-Ostwalt-Straße/Goethestraße, das Amtsgericht und die Neobarocke Post.
Auch hier erfuhr der Besucher so manches interessante Detail und konnte sich ein Bild davon machen, warum sich manchmal „scheinbar nichts tut“, wie es der Bürgermeister zum Schluss auf den Punkt brachte. Am Ende fanden sich noch viele Interessierte am Podium ein und warfen einen Blick in die historischen mittlerweile schon vergilbten „Acten“.
Man darf also schon jetzt gespannt sein, welches Thema im kommenden Jahr zum „Tag des offenen Denkmals“ aufgegriffen wird.

Viele interessierte Besucher fand der Vortrag von Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer, der "unbequeme Denkmale" in der Stadt Meerane beleuchtete.
Die Techniksammlung im Neobarocken Postgebäude wird zu besonderen Veranstaltungen wie dem Internationalen Museumstag und dem "Tag des offenen Denkmals" geöffnet.

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