Aktuelles (29.04.2013)

 

„Angenehm sind die erledigten Arbeiten.“

Ansprache zur Eröffnung des Marktbrunnes von Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer am 27. April 2013 (Auszüge):

Historisch betrachtet waren alle Brunnenanlagen im Meeraner Stadtgebiet als Wasserschöpfstellen Teil der Meeraner Wasserversorgung. Mit Blick auf den Marktbrunnen sind zwei Phasen der städtischen Wasserversorgung wichtig: Meerane ohne und Meerane mit Wasserwerk.

Betrachten wir zunächst die Phase der Wasserversorgung ohne Wasserwerk . Dazu dienten 65 Tiefbrunnen mit 5 Leitungen, die 84 öffentliche Wasserentnahmestellen speisten. Die Wasserentnahmestellen gab es in Form von Brunnenanlagen und Straßenpumpen. Für den Markt gab es eine Wasserleitung aus dem Dittricher Gehölz (nördlich Dittricher Weg), die über den Markt bis zum Neumarkt führte.
Es wurde im Markt eine unterirdische Zisterne errichtet, die mit einem Steinbrunnen überbaut war, dessen Dach mit vier Eisensäulen gestaltet wurde. Der Brunnen hatte eine doppelte Pumpeinrichtung in Wassereimerhöhe. Alle Brunnenanlagen waren nüchtern und zweckmäßig gebaut. Die Aufnahme aus dem Jahre 1885 zeigt den Marktplatz mit der Schöpfbrunnenanlage.

Die Herbeischaffung des Wassers war über viele Jahrhunderte für die Mehrzahl der Bürgerschaft eine Arbeitsleistung, die per Wassereimer mit Schultertragevorrichtung, vor allem von den Frauen, erledigt wurde. An den Wasserentnahmestellen kam es häufig zu Wartezeiten und Versorgungsengpässen, insbesondere im Winter, wo frostige Temperaturen die Wasserentnahme erschwerten.

Mit dem Jahr 1901 begann der Anschluss der Grundstücke an das Wasserleitungsnetz. Dies stellte einen gewaltigen Fortschritt dar und ist mit dem Beginn der Phase der Wasserversorgung mit Wasserwerk verknüpft. 1900 wurden die grundlegenden Beschlüsse gefasst, die Wasserversorgung der Stadt mit dem Quellengebiet an der Mulde und einem neu zu errichtenden Wasserwerk (in Kertzsch) zu bewerkstelligen. Die „Wasserwerks-Ordnung für die Stadt Meerane“ vom 14. Mai 1901 schreibt als Zweck für das Wasserwerk fest, für die Stadt Meerane und deren Einwohner Wasser zum häuslichen und wirtschaftlichen Bedarf zu beschaffen. Dazu wurden die Grundstücke an die Wasserleitung angeschlossen.

In der Folge kam es zu keiner Instandsetzung der alten Tiefbrunnen und Schöpfanlagen. Verfall und Wasserverunreinigung waren die Folge. Einige alte Wasserbecken blieben jedoch erhalten, so auch die Zisterne bzw. das Wasserbecken am Markt. Die Brunnenanlage wurde jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts entfernt.
Die Aufnahme zeigt den Marktplatz ohne Schöpfbrunnenanlage.

Ein Marktbrunnen blieb jedoch in der öffentlichen Diskussion. Dies ist dem Kaufmann und großen Gönner der Stadt Meerane, Herrn Carl Wilhelm Wunderlich (1839-1893) zu verdanken, der in seinem Testament vom 12. August 1893 seine „Vaterstadt Meerane“ als Universalerbin seines Besitztums einsetzte, vorausgesetzt, die Stadt Meerane hält seine Bestimmungen genau ein und erfüllt diese. Eine dieser Bestimmung war die „Errichtung eines ornamentalen Brunnens auf hiesigem Markte.“ Herr Carl Wilhelm Wunderlich verstarb am 22.08.1893 in Coburg.

Die damaligen Stadtverantwortlichen um die Bürgermeister Dr. Ernst Ebeling (1890-1898) und Julius Wirthgen (1898-1914) errechneten eine Summe für den „ornamentalen Marktbrunnen“ von ca. 24.132 (Gold)Mark.
Die Mark währte als Währungseinheit von 1871 bis 1923; entsprechend eines komplexen Umrechnungsverfahrens des Statistischen Bundesamtes entspräche dieser Betrag heute einem Wert von ca. 148.000 Euro.
Die Stadt Meerane beauftragte den Bildhauer Otto Wesche aus Berlin-Friednau mit zwei Brunnenprojekte, die jedoch am 31.08.1903 ausgesetzt wurden. Nähere Angaben zu den Projekten sind nach derzeitigem Stand nicht vorhanden. Da der Brunnenbau unterblieb, wurde das Geld aus dem Nachlass von Herrn Carl Wilhelm Wunderlich wohl anderweitig ausgegeben.

Das Vermächtnis von Herr Wunderlich eines „ornamentalen Brunnens“ entspricht der langen Tradition von Stadtbrunnen mit Ornamenten , also Mustermit symbolischer Funktion. Solche Stadtbrunnen sind künstlerische Elemente seit der Gotik (ca. 12.-16. Jahrhundert), in der Renaissance (15./16.Jahrhundert) und vor allem während des Barock (ca. 16.-18. Jahrhundert). Brunnen wurden und sind Schmuckelemente des öffentlichen Raumes, insbesondere von Plätzen. Als Beispiel greife ich den Mendebrunnen auf dem Leipziger Augustusplatz aus dem Jahr 1886 heraus. Namensgeberin des Brunnens ist Frau Marianne Pauline Mende († 1881), Witwe des Kaufmanns Ferdinand Wilhelm Mende, die testamentarisch 150.000 (Gold)Mark „zum Bau eines die Stadt verschönernden Brunnens von monumentaler Architektur auf einem freien Platz in der Nähe der inneren Promenade, vielleicht zwischen dem Museum und dem Neuen Theater“ stiftete.

Der Mendebrunnen ist eine Allegorie auf die Bedeutung des Wassers für den Menschen mit Gestalten der griechischen Mythologie in maritimer Darstellung. Seine Vorbilder sind aus dem italienischen Barock der Fontana del Moro (Piazza Navona) und der berühmte Fontana die Trevi von Nicola Salvis in Rom.

Nun können wir unseren neuen Marktbrunnen in keinster Weise mit dem Leipziger Mendebrunnen vergleichen, wenngleich die Gemeinsamkeit einer testamentarischen Schenkung besteht.

Im 120. Todesjahr von Herrn Carl Wilhelm Wunderlich ist dieser Marktbrunnen nun endlich Realität. Wohl nicht mehr getragen von seinem großzügigen Nachlass, aber dafür als Gemeinschaftswerk der Meeraner Bürgerschaft, Meeraner Unternehmer und der Stadt Meerane.

Der Startpunkt für das Brunnenprojekt war ein Bürgerdialog in der Stadtbibliothek, am 28.11.2009, einem Samstagvormittag, zu dem der Bürgermeister interessierte Bürgerinnen und Bürger begrüßen konnte. Gemeinsam diskutierten wir das Projekt und legten wichtige Rahmenbedingungen fest. Dazu gehörte auch der Standort des Brunnens, der auf der alten Zisterne nicht mehr möglich war, da Brunnenwasser heute Trinkwasserqualität haben muss. Die Zisterne speist sich aus Oberflächen- bzw. Straßenwasser und dient der Löschwasserversorgung.

Aus dieser Veranstaltung heraus entwickelte dann wiederum die Fördergemeinschaft „Mehr Meerane“ mit ihrer damaligen Vorsitzenden Frau Ute Hebenstreit das Brunnenprojekt, das unter der derzeitigen Vorsitzenden Frau Annemarie Friedrich mit dem gesamten Vorstand realisiert wurde. Die Vorstandsmitglieder verantworteten Herr Jürgen Günther und Herr Ralf Michel verantworteten die Finanzen bzw. die bauliche Planung und Durchführung in enger Abstimmung mit der Stadt Meerane.

Mit Geldspenden und Sachleistungen ist das Projekt nun endgültig beendet. Der Brunnen selbst konnte bereits am 11.11.2012 der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Für den Brunnenstandort konnten bereits durch die Stadt Meerane beim Umbau des ehemaligen Kaufhauses zum Kunsthaus im Untergeschoss die Anschlüsse für Strom und Wasser vorbereitet werden.

Am Ende entschieden die Fördergemeinschaft „Mehr Meerane“ und die Stadträtinnen und Stadträte der Stadt Meerane die jetzige Realisierung: Die Erdkugel, der Globus als zentrales Brunnenornament, mit der Verortung von Meerane . Für deren Realisierung nahm sich die Meeraner Dampfkesselbau GmbH in eine uneigennützige Pflicht. Die Geschäftsleitung mit den Herren Geschäftsführern Ullrich Nitzsche und Bernd Klein ermöglichten das Kunstwerk in der hohen Qualität des Edelstahlbaus der Meeraner Kesselbauer.

Erdkugel bzw. Globus sind ein vielseitiges Motiv in der Kunst und Architektur, auch in der Brunnengestaltung. Bekanntestes Motiv ist sicher der „Weltkugel-Brunnen“ in Berlin am Breitscheidplatz, den die Berliner liebevoll „Wasserklops“ nennen, ein Bauwerk aus rotem Granit aus dem Jahr 1983.

Der Ursprung des Erdkugelmotivs liegt in der Antike, in der griechischen Mythologie, in der Person des Titanen Atlas . Atlas wird in der als Träger und in der Architektur mit stützender Funktion dargestellt; er trägt – je nach Darstellung - die Himmelskugel, die Erdkugel, den Globus.
Atlas erhielt als Bestrafung von Zeus die Aufgabe, den Uranos (Himmel in Göttergestalt) zu stemmen. Er stützte die Kugel am westlichsten Punkt der damals bekannten Welt, dem Atlasgebirge.

Nun wird die Erdkugel des neuen Marktbrunnes durch die Längsachse getragen und ermöglicht somit die genaue Lage der Erdkugel im Raum. In ihr findet das Wasserspiel statt.
Die Erdkugel ermöglicht mit ihren dargestellten Längs- und Breitengraden die Verortung der Kontinente und die Verortung Meeranes. Längs- und Breitengrade bilden ein Bezugssystem der Differenzierung, d. h. der Position und Lage, und dient der Verortung im Raum und der Orientierung im Raum.

Für heute danke ich namens der Stadt Meerane und persönlich allen Beteiligten, die in vorbildlicher Weise dem Marktplatz diesen Brunnen ermöglichten, der allen Bürgerinnen, Bürgern und Gästen unserer Stadt zum Verweilen dienen soll.

Ein besonderer Dank und ein großes Lob geht an die Fördergemeinschaft „Mehr Meerane“ und an den Meeraner Dampfkesselbau.

Schließen möchte ich mit einem Gedanken des Römers Marcus Tullius Cicero: „Angenehm sind die erledigten Arbeiten.“ Darauf können alle stolz sein.

Der Tradition folgend, zeichnen folgende Firmen mit ihren Gewerken für das Bauwerk verantwortlich:

Meeraner Dampfkesselbau GmbH (Weltkugel), Pumpen Pester (Pumpentechnik), Fa. Ziegler Außenanlagen (Bänke, Papierkörbe), Stadtwerke Meerane GmbH (Beleuchtung), Matthias Müller – Baugeschäft Büttner (Brunnenbecken, Tiefbau und Pflasterarbeiten), Grabmal & Naturstein Brumme (Steinmetzarbeiten), List & Partner (Einmessung des Brunnens und Planzeichnungen), Elektroinstallation Dirk Haustein & Sohn (Beleuchtung), Baugeschäft Frank Barnitzki (Brunnenabdeckung).

Vielen Dank an Sie alle und allen Spendern und Unterstützern, die wir gemeinsam mit der Fördergemeinschaft „Mehr Meerane“ noch präsentieren werden; ohne Sie würden wir dieses freudige Ereignis nicht begehen können.

 
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