Ausstellung

 

„Botschaftsflüchtlinge auf ihrer Fahrt von Prag nach Hof“

Ausstellung in der Stadtbibliothek Meerane bis 14. November

In der Meeraner Stadtbibliothek, August-Bebel-Straße 49, ist derzeit die Ausstellung „Botschaftsflüchtlinge auf ihrer Fahrt von Prag nach Hof“ zu sehen, ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Meerane mit der BStU Außenstelle Chemnitz (Stasi-Unterlagen-Behörde). Auf 15 großformatigen Tafeln wird an die politische Situation im Herbst 1989 und die Ereignisse in den bundesdeutschen Botschaften, insbesondere in Prag, erinnert – mit Fotos, Dokumenten und Auszügen aus Schriftstücken. Auch die Fahrt der Botschaftsflüchtlinge von Prag über die damaligen Bezirke Dresden und Karl-Marx-Stadt bis nach Hof ist dokumentiert.
Zur Eröffnung der Ausstellung am 10. September 2009 sprachen Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer und der Sachgebietsleiter der BStU Außenstelle Chemnitz, Lothar Raschker, zu den Gästen.

Eröffnungsworte Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer zur Ausstellung „Botschaftsflüchtlinge“ in der Stadtbibliothek Meerane am 10.09.2009 (Auszüge)

Sehr geehrte Damen und Herren,
herzlich Willkommen zum heutigen Abend in der Meeraner Stadtbibliothek. Erlauben Sie mir bitte, dass ich heute mit vier Gedanken meine Begrüßung zur Ausstellungseröffnung „Botschaftsflüchtlinge“ inhaltlich gestalte.

Die „Ziffer 9“. Historische Jahrestage und ihr aktuelles Echo.
Das Themenjahr 2009 transportiert mit der „Ziffer 9“ historische Jahrestage, die mit ihrem Echo aktuell nachwirken. Ich greife heraus:

1789 – Beginn der Französischen Revolution mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.
1849 – Verabschiedung der Frankfurter Reichsverfassung mit den modernen Grundrechten des Menschen.
1919 – Verabschiedung der ersten demokratischen Verfassung (Weimarer Reichsverfassung).
1939 – Mit dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Polen eröffnen die Nationalsozialisten den II. Weltkrieg, an dessen Ende die totale Zerstörung Deutschlands steht und weltweit über 55 Millionen Tote zu beklagen waren. Es kommt 1945 zur Teilung Deutschlands.
1949 – Mit der Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai gründet sich die Bundesrepublik Deutschland. Am 6.10. gründet sich die Deutsche Demokratische Republik.
1949 – Am 5.5. wird der Europarat gegründet. Mit ihm startet das Projekt einer friedlichen Entwicklung in Europa.
1989 – Im Jahr der europäischen Revolutionen beginnen die mittel- und osteuropäischen Staaten die Teilung Europas zu überwinden. Mittendrin auch die DDR.

Aufruf zum Aufbruch und Ausbruch
Der Revolution ging eine Massenflucht aus der DDR voraus, die vor den großen Demonstrationen einsetzte. Es kam zu Besetzungen der Bonner Vertretungen in Ost-Berlin, Budapest, Prag und Warschau.
Mutig öffnete Ungarn seine Grenzen; die Aktivitäten begannen am 2. Mai 1989. Anlässlich eines europäischen Grenzfestes im ungarischen Sopron flüchteten am 19. August erstmals 661 DDR-Bürger nach Österreich. Am 11. September öffnete Ungarn die Grenzen nach Österreich; bis Ende September wählten 25.000 DDR-Bürgerinnen und Bürger diesen Weg in die Freiheit.
Insgesamt kamen im Jahr 1989 388.396 Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Darunter auch die Botschaftsflüchtlinge.

Im September 1989 besetzten DDR-Bürgerinnen und Bürger die bundesdeutschen Botschaften in Warschau (15.Juli), Prag (31.Juli) sowie die Ständige Vertretung in Ost-Berlin (31.Juli). Sie versuchten ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland zu erzwingen.
Am 30. September 1989 besuchte der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher die bundesdeutsche Botschaft in Prag. Er verkündete, dass alle DDR-Flüchtlinge ausreisen könnten, die sich in Botschaften in Prag und Warschau aufhielten.
Im Oktober bringen Züge der DDR-Reichsbahn etwa 7.600 DDR-Bürger von Prag aus über das Gebiet der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Auf demselben Wege gelangen etwa 800 DDR-Bürger von Warschau in die Bundesrepublik Deutschland.

Angesichts der Bilder aus Prag und Warschau und den Zügen kam es, so Bärbel Bohley, zu einem „qualitativen Sprung“ im politischen Bewusstsein der DDR-Bürger: „Es hat knack gemacht in der DDR.“ (Spiegel 41/1989, S.21)

Flüchtlinge
Die Migration von „Deutschland nach Deutschland“ war in Ostdeutschland von Anfang an aktuell. Nach allgemeiner Definition sind Flüchtlinge Personen, die infolge von Kriegen und Konflikten, wegen politischer Verfolgung oder anderer existenzieller Notlagen ihre Heimat verlassen.
Folgende Phasen kennzeichnen die Flüchtlingsbewegung:
1945-1949: Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone. Die Flüchtlingsströme sind heute schwer feststellbar. Von den 12 Millionen deutschen Flüchtlingen flüchteten ca. 8 Millionen Menschen in die Westzonen. 2 Millionen Menschen kamen bei ihrer Flucht ums Leben.
1950-1961: Nach der Gründung der DDR flüchteten bis zum Mauerbau 2,6 Millionen Menschen in die Bundesrepublik Deutschland.
In den Jahren 1962-1989 waren es 0,7 Mio. Menschen.

Auch mit der Vereinigung Deutschlands kam es zu Wanderungsströmen. Ca. 3,1 Millionen Menschen verließen zwischen 1990 und 2005 die ostdeutschen Bundesländer. Bereinigt um die Zuzüge aus den westdeutschen Bundesländern kommt es zu einem Negativergebnis von 1,25 Millionen Menschen.

Doch zurück in das Jahr 1989.
Der Freiheit konnte das Bezugssystem DDR ab dem Herbst 1989 keine Gegenposition mehr aufbringen. Für uns Deutsche begann in diesen Tagen im Jahre 1989 eine Reise nach innen und außen. Wir versuchten den brüchigen Zeitlauf zu verstehen und fanden die Lösung 1990 in der Gemeinsamkeit, dem vereinten Deutschland, eingebettet in die Welt.

Wir unterscheiden heute sehr differenziert das SED-System bzw. die SED-Diktatur von der Lebensleistung der Menschen in der DDR. Diese notwendige Unterscheidung dokumentiert auch die Ausstellung. Einerseits die Menschen in ihrem Ringen um das Verlassen der Heimat; andererseits das Agieren des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) als eine der tragenden Säulen der SED-Diktatur. Ulrich Schacht (Journalist, 1973 verurteilt, 1976 freigekauft) charakterisierte das MfS nach Öffnung der Akten treffend: „Freigelegt wurde ein politischer Organismus, der auf Zerstörung von Menschen als Träger von Freiheit, Widerspruchsgeist und Menschlichkeit programmiert war – im ausschließlichen Interesse der agierenden Macht der SED.“

Dieser „Organismus“ wirkte in den Tagen der Botschaftsflüchtlinge. Darüber gibt die Ausstellung Auskunft. Sie beleuchtet ein konkretes Schlüsselereignis von repräsentativer Bedeutung für das DDR-System und dessen Niedergang. Sie zeigt wie Menschen ihre Flucht bewirkten und wie ein Staatsapparat versucht, das Grundrecht auf Freizügigkeit, auf Freiheit der Person zu unterdrücken.

Schlussgedanke: Die Vorgänge im Sommer/Herbst 1989 verkörpern eine Grundaussage Friedrich Hegels: „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.“
Ich habe diesen Gedanken ausgewählt, weil es dazu einen Aufsatz von Robert Havemann aus dem Jahre 1975 gibt. Havemann - Chemiker, Philosoph, 1910-1982, 1976-1979 Hausarrest, 1989 rehabilitiert – formuliert darin das Leitmotiv des DDR-Staats-Marxismus: „Die Freiheit (des Staates) erfordert Einsicht in die Notwendigkeit der Unfreiheit (des Individuums).“
Er kommt in der Folge zum Ergebnis: „Was jedoch im Sozialismus zur Notwendigkeit geworden ist wie nie zuvor, ist Freiheit.“

Ich wünsche der Ausstellung viele Besucher und danke der BStU Chemnitz für ihre Bereitstellung der Ausstellung.

Die Ausführungen des Bürgermeisters erhielten viel Beifall von den interessierten Zuhörern.

Lothar Raschker von der BStU-Außenstelle Chemnitz hatte einen Film zur Ausstellungseröffnung mitgebracht, ein Zusammenschnitt von Sequenzen aus dem damaligen Fernsehen der DDR, den Sendern der BRD und von Aufzeichnungen des damaligen Ministeriums für Sicherheit (MfS) der DDR. Die Bilder – unter anderem von Aktionen gegen Wahlbetrug in Berlin, von den Leipziger Montagsdemonstrationen, von der Prager Botschaft und von Berichten von Augenzeugen über Misshandlungen durch die Angehörigen der Polizei und der Staatssicherheit – holten die damalige Situation eindringlich in Erinnerung und machten betroffen.
Unterschiedliche Ziele hatten die Menschen, die zu den Demonstrationen und verschiedenen Aktionen auf die Straße gingen, sagte Lothar Raschker. Viele Ausreisewillige wollten endlich ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und sahen keine andere Lösung als die DDR zu verlassen, andere wollten Veränderungen in der damaligen DDR herbeiführen.
Neben der Flucht über die seit Sommer 1989 durchlässigen Grenzen der damaligen Ungarischen Republik suchten viele DDR-Bürger Zuflucht in den bundesdeutschen Botschaften. Besonders schwierig war die Situation in der Prager Botschaft, die der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 besuchte.
Am 1. Oktober 1989 rollten die ersten Sonderzüge von Prag über Dresden und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) ins bayerische Hof. Dass die ehemalige DDR-Führung darauf bestand, dass die Flüchtlinge die DDR auch über die Grenze der DDR verließen, bezeichnete Lothar Raschker als einen ihrer letzten großen Fehler. Die Aufmerksamkeit der DDR-Bevölkerung war immens und entlang der Bahnstrecke und auf Bahnhöfen kam es zu vielen Aktionen von weiteren Ausreisewilligen, die zum Teil gewaltsam aufgelöst wurden.
Bis zu den Botschaftszügen hatte es bereits eine Reihe von Schlüsselerlebnissen gegeben, erklärte Lothar Raschker. Dazu zählten unter anderem die Zerschlagung der Rosa-Luxemburg-Demonstration im Februar 1988, der Verbot des „Sputnik“, die Dokumentation des Wahlbetruges und die Anzeigen im Mai 1989, die Öffnung der Grenze in Sopron.
Einer, der die Botschaftszüge selbst miterlebt hat, ist der heute wieder in Meerane lebende Claus Springborn, der sich in der anschließenden Diskussion zu Wort meldete. Mit seiner Frau und dem damals 10-jährigen Sohn war er am 2. Oktober 1989 nach Prag gereist, schaffte es in die Botschaft der BRD und konnte bereits zwei Tage später ausreisen. „Die größte Angst war damals, es nicht zu schaffen, vor dem Zaun zu bleiben“, erinnert er sich.
Johannes Groschwitz berichtete von den Repressalien der damaligen DDR-Führung gegen Andersdenkende. Vier Freunde, die aus dem gleichen Anlass verhaftet worden waren, erhielten völlig unterschiedliche Strafen. Die Stasi differenzierte genau, welche Strafe wen am härtesten trifft und so wurde der einzige der vier, der Frau und Kinder hatte, zu einer Haftstraße verurteilt, andere „nur“ zu einer Geldstrafe.

Die Ausstellung „Botschaftsflüchtlinge auf ihrer Fahrt von Prag nach Hof“ ist eine von mehreren Veranstaltungen, mit denen die Stadt Meerane an die friedliche Revolution vor 20 Jahren erinnert. Zu sehen ist sie bis zum 14. November 2009 während der Öffnungszeiten in der Stadtbibliothek Meerane, August-Bebel-Straße 49.

Montag 10 bis 16 Uhr
Dienstag 10 bis 18 Uhr
Mittwoch geschlossen
Donnerstag 10 bis 18 Uhr
Freitag 10 bis 15 Uhr
Samstag 10 bis 12 Uhr

 

 

   
Zur Ausstellungseröffnung kam es zu vielen interessanten Gesprächen der Besucher. Claus Springborn aus Meerane (re.) war selbst in einem der Flüchtlingszüge aus der Prager Botschaft.

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